Ein
Vortrag von Katharina Engels - gehalten am 24. 03. 2006 auf Schloss Schwarzenberg
im Erzgebirge zur Tagung "Museen im Austausch"
Spiel und Kultur
bilden seit Menschengedenken eine untrennbare Einheit.
...der Kulturphilosoph Johan
Huizinga sieht gar im Spiel den Ursprung jeder Kultur.
Seit eh und je haben Dichter
und Künstler, Philosophen und Pädagogen die Bedeutung des Spiels
für den Menschen ergründet. Sie haben im „Homo ludens", dem spielenden
Menschen die wichtige Ergänzung zum „Homo faber" dem arbeitenden Menschen
erkannt. „Sag mir was, wie und womit du spielst und ich sage dir, wer du
bist" - eine derartige Feststellung ist durchaus berechtigt, wenn man sich
die große Bedeutung des Spiels und des Spielzeugs vor Augen hält.
Spielart und Spielzeug spiegelten zu allen Zeiten die Umwelt der Spielenden
wider - neben der unverfälschten Realität -, aber auch stets
deren Wünsche und Sehnsüchte. Im Spiel, im Freiraum der Freizeit,
kann sich das wirklich Humane im Menschen in Wechselbeziehung zu seiner
Umwelt entwickeln.
Nach Friedrich von Schiller
spielt der Mensch nur, ... wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch
ist, und er ist nur da Mensch, wo er spielt." Gerade die Entwicklung des
Kindes vollzieht sich im Spiel und es kommt ganz entscheidend darauf an,
wie das Kind im Spiel zu sich selbst und zum Welt- und Lebensverständnis
findet.
Gutes Spielzeug vermag es,
die seelischen und geistigen Kräfte des Kindes zu erschließen
- dieses Postulat gilt heute noch genau so wie in den Kindertagen unserer
Großeltern.
Spielzeug ist Zeug zum
Spielen - und wenn es ein gewisses Alter erreicht hat, fällt es
unter die Sachgüter der Geschichte", kommt vielleicht in Sammlerbesitz
und landet zu guter letzt wohl auch im Museum.
Einerseits gewinnt es dadurch
an Bedeutung, wird als Zeuge seiner Zeit aufgerufen und als verkleinertes
Spiegelbild der Kulturgeschichte zitiert, ja unterliegt gar wissenschaftlichen
Forschungsanstrengungen.
Anderseits verliert es im
selben Zuge eine ganz wesentliche Eigenschaft: es darf fortan meist nur
noch dem Namen nach - Zeug zum spielen sein, denn museal gewordenes Spielzeug
bleibt - los gelöst von seiner ursprünglichen Beziehung - hinter
Vitrinenscheiben dem spielerischen Zugriff von Kinderhänden entzogen.
Wann Spielzeug zum erstenmal
in der Entwicklungsgeschichte des Menschen auftaucht, läßt sich
nicht mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls bezeugen schon prähistorische
Funde den Gebrauch von Spielsachen.
In der Kulturgeschichte
tritt das Spiel immer wieder in eine bemerkenswerte Nähe zu kultischen
Handlungen.
Noch heute wird der Puppe
als Abbild des Menschen eine magische Wirkung zugeschrieben, wie sie auf
früheren Kulturstufen wohl gemeinhin empfunden und zu allerlei Zauberwerk
benutzt worden ist.
Der dem Spiel eigene Freiraum
fördert eine ungestörte Persönlichkeitsentwicklung und Selbstentfaltung.
Dies wiederum macht den Menschen im freien Spiel der Gedanken zum Forscher,
Denker, Erfinder und Wissenschaftler.
Hinter der Geschichte des
Spielzeugs steht die seiner Hersteller. Zum Beispiel die eines Hütebuben,
der sich seine Zeit auf der Weide mit dem Schnitzen von kleinen Holztieren
vertreibt, nur so zum Spaß.
Gar nicht zum Spaß
stand der Fabrikarbeiter in Charli Chaplins Film „Moderne Zeiten" am gnadenlos
dahin eilenden Fließband, auf dem Blechspielzeug hergestellt
wurde. Oder der Grödner Spielzeugschnitzer im vorigen Jahrhundert,
der mit dem 50sten Pferdefigürchen in der Hand erst knapp die Hälfte
seines Tagessolls erfüllt hatte -
bitter notwendig zum nackten
Überleben seiner Familie. Bei den Kindern der Spielzeugmacher im Erzgebirge
stand der schöpferische Spaß in den seltensten Fällen Pate
bei der Herstellung, sondern bitteres Muß, blieb doch unter der Drangsal
eines oft vierzehnstündigen Arbeitstages in engen Stuben und bei karger
Ernährung weder Zeit noch Kraft um selber zu spielen. Freilich hatten
seinerzeit nicht einmal die Kinder wohlhabender Stände das große
Los gezogen, mißt man ihre Spielgelegenheiten an unseren Vorstellungen
schöpferischer Ungebundenheit.
Die Vorstellung ehrgeiziger
Eltern, mit den Spielsachen ihrer Sprößlinge das eigene Repräsentationsbedürfnis
zu befriedigen, machte da gewiß viele Kinderträume zu nichte.
Kostbarkeit stand dann vor Spielbarkeit und preziöse Zerbrechlichkeit
verhinderte - eh man sich's versah - die Benutzbarkeit der Kinderhände.
Zugegebenermaßen verdankt
aber museale Ausstellung gerade derartigen „Sonntagsspielsachen" die prachtvollsten
Zeugnisse historischer Epochen en miniature.
Zwischen Produzent und Konsument
stand und steht im allgemeinen der Händler (Verleger) Er macht und
kennt den Markt, vermittelt, zieht die Fäden zwischen Bedürfnis
und Befriedigung.
Bereits im 18. Jahrhundert
genossen große Spielzeugverlage in Handelszentren wie Nürnberg
wahrhaft internationale Geltung. Der Spruch Nürnberger Tand geht in
alle Land" entsprach durchaus der Realität. Die Wiener, Oberammergauer,
Grödner oder Thüringer eiferten dem fränkischen Vorbild
erfolgreich nach.
Die Geburtsstunde der ersten
„Spielzeug-Multis", die durch Ankauf und Vertrieb die Produktion ebenso
diktierten wie die Preisgestaltung hat schon vor mehr als 200 Jahren geschlagen.
Natürlich darf die Rolle
dieser Unternehmungen keineswegs nur unter dem Vorzeichen von Profit und
Pression auf die zumeist unter äußerster Existenznot arbeitenden
Familienbetriebe gesehen werden. Sie erfüllten durchaus auch kulturelle
Funktionen. Ebnete der Handel, doch so entscheidende pädagogische
Reformideen, wie der des Kindergartenvaters Fröbel anno 1840 den Weg
in die Kinderstube.
Spielzeugausstellungen
sind geprägt durch die Geschichten der verschiedenartigsten Puppen,
Puppenstuben, Puppenhäuser, Blech- und Holzspielzeuge. Das spätmittelhochdeutsche
Wort „Puppa" kommt aus dem volkslateinischen und steht für „kleines
Mädchen". Die Verkleinerungsform „Pupula" für Pupille - Augenstern"
, nimmt Bezug auf die verkleinerte, spiegelbildliche Abbildung des eigenen
ich im Auge des gegenüber, das als kleines Püppchen im inneren
des Glaskörpers zu leben scheint. Dieser magisch wirkende Effekt der
Reflexion des eigenen ich im Auge des Vis-a-Vis brachte den Puppen
seit alters her übersinnliche Gedankenverknüpfungen ein. Dies
wird deutlich in der Austauschbarkeit der Begriffe „Puppe" und „Idolfigur"
in der griechischen Geschichte. Kultbilder und Spielpuppen lassen sich
sogar von der wissenschaftlichen Archäologie oft nur mit Mühe
oder überhaupt nicht unterscheiden. Manche zu kultischem Gebrauch
geschaffenen Figuren wurden traditioneller weise im Anschluss an die Zeremonie
an die Kinder als Spielzeug übergeben. Sehr fein ausgeführte
Gliederpüppchen aus gebranntem Ton fand man vor allem in Tempeln griechischer
Göttinnen. Wohl vor etwa 3000 Jahren entstanden, dienten sie zunächst
als Weihegeschenke, später aber auch als Kinderspielzeug.
Ton als Material für
Puppen bevorzugte offenbar auch das erste nachchristliche Jahrhundert,
allerdings waren sie bereits mit aufwendigen Gelenkmechanismen ausgestattet.
Im Mittelalter scheint dann die Ära der Puppen aus Holz eingesetzt
zu haben. Die Bezeichnung „Docke" vom Reitstock der Drechselbank hergeleitet,
führte über längere Zeit zum Sammelbegriff „Dockender" für
Kinderspielzeug. Ein anderes Material für Puppenkörper war später
Papiermache. Mit Leim und Roggenmehl vermischt, hatte es zwar leidliche
Festigkeit, war aber wegen seiner Getreidehaltigkeit auch bei Mäusen
und anderen Nagern äußerst beliebt. Sicher das schönste,
wenngleich auch das heikelste Material zur Herstellung von Puppenköpfen
ist Porzellan in Biskuitausführung. Es ermöglicht wirklichkeitsnahe,
feinste Abtönungen der menschlichen Hautfarbe und Hautstruktur.
Im Stil der zeitgenössischen
Mode aufs feinste gekleidet, zählen diese kleinen Wesen der Belle
Epoque mit ihren bewimperten Glasschlafaugen, kunstvolle Echthaarperücken
und in Kugelgelenken beweglichen Körpern zu den Paradestücken
der Puppenindustrie.
Andere
Materialien folgten. Gummi verlieh den amerikanischen Puppen Unverwüstlichkeit,
Zelluloid bürgerte sich in Deutschland schon ab 1878 als Vorläufer
der modernen Plastikwerkstoffe für Puppen ein. Beherrschend auf Europas
Puppenmarkt war zweifellos Deutschland und hier insbesondere der Thüringer
Raum.
Die außerordentlich
reizvollen französischen und englischen Produkte brachten es nie auf
die von den deutschen Herstellern erreichten Auflagenzahlen. Die Vielzahl
der damaligen Hersteller bescherte den späteren Puppensammlern ein
anregendes Hobby: das Bestimmen der Kopfmarken mit ihren offenen oder versteckten
Informationen über Manufaktur, Herstellungsperiode oder sogar den
entwerfenden Künstler.
Die Geschichte der Puppe
ist zugleich auch Geschichte der Mode. Das 18. und frühe 19. Jahrhundert
gilt als Blütezeit der Modepuppen. Pariser Puppen erhielten sogar
besondere Pässe, mit denen sie feindliche Grenzen überschreiten
konnten, sogar während der Kontinentalsperre zwischen 1806 und 1813.
Mit der Puppe allein ist
es freilich nicht getan. Sie braucht ihre Accessoires, ihre Möbel,
ihre Küche, ihr Service und in letzter Konsequenz natürlich ihr
eigenes Haus, zumindest aber eine standesgemäße Stube.
Mit solchen Puppenbehausungen
fühlte sich die Modellbau Ader der Erwachsenen ebenso stark angesprochen,
wie der Drang zum Repräsentieren. Eines der bekanntesten ersten Puppenhäuser,
nämlich das der Tochter des Bayernherzogs Albrecht V., wurde Anno
1558 nicht etwa im herzoglichen Kinderzimmer, sondern in der Kunstkammer
aufgestellt.
Die späteren Häuser
und Stubenensembles des 17. und 18. Jahrhunderts wurden meist nicht von
einer einzigen Person, sondern von einer Vielzahl zunftmäßig
organisierter Handwerker gefertigt.
Puppenstuben und Puppenhäuser
der damaligen Zeit werden zurecht als Spiegelbilder der zeitgenössischen
Wohnkultur angesehen. Der Gang durch heutige Spielzeugläden läßt
vermuten, daß die Puppenhäuser, die heute für Barbie angeboten
werden, dereinst auch von unserer Kultur etwas zu berichten haben.
Blechspielzeug stellt Parallelen
zum rasanten technischen Aufschwung der Industrienationen her. Genauso,
wie die Stahl- und Schwerindustrie von der Entwicklung des Werkstoffes
Eisen abhängig war und ist, war es über ein Jahrhundert das heute
fast unbezahlbare Blechspielzeug. Dabei sind vor allem die Produkte der
Firmen Märklin und Bing zu nennen. Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Autos
und Flugzeuge haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren.
Kultobjekt „Barbie" -
Geliebtes Idol oder verdammter Konsumartikel:
Wie und wann Barbie durch
Bild Lilli entdeckt und nach Amerika kam, muß hier nicht angesprochen
werden.
Fest steht, kein Mädchen
kommt an Barbie vorbei und sei es nur für eine kurze Epoche der Kindheit.
Die unbeirrbare Liebe der Kinder auf dem ganzen Erdball machte Barbie zur
erfolgreichsten Ankleidepuppe aller Zeiten. Barbies Kleider und Barbies
Welt , ihre Freunde und ihr Glück, ihre Berufe und ihre Erlebnisse
sind nicht nur Teil sondern auch Spiegelbilder gesellschaftlicher Trends.
Mit Barbie kam Leben in
das Kinderzimmer - nicht die Wirklichkeit - sondern die Traumwelt, die
uns das Fernsehen mit seinem Luxus und Flitter der High-Society vorgaukelt.
Was viele nicht für
möglich hielten, Barbie hat sich den Markt des Kindes und den des
Sammlers erobert und somit auch einen Platz im Museum. Barbie ist das Spielzeug,
das heranwachsenden Mädchen eine Auseinandersetzung mit dem ganzen
Spektrum der unterschiedlichsten Frauenrollen ermöglicht.
Barbie's Welt und Lebensgeschichte
dokumentieren Mode und Alltagskultur seit dem Ende der fünfziger Jahre.
Renommierte Künstler
und Designer aus dem deutschsprachigen Raum wurden aufgefordert, sich an
dem Projekt „Künstler und Designer gestalten für und um Barbie"
zu beteiligen. Viele Künstler und Designer beteiligten sich aus Interesse
und Begeisterung für das Projekt. Die Objekte wurden in der Ausstellung
im Werkbund Archiv im MartinGropius Bau in Berlin 1994 der Öffentlichkeit
gezeigt.
Neben altem Spielzeug und
Puppen zeigen wir Ihnen hier einige Barbiepuppen, von der „Bild Lilli"
über Barbie als Spielpuppe bis zur Designerpuppe von Bob Mackie. Das
Brautkleid von Bob Mackie entworfen, dessen kostbare Barockornamente in
liebevoller Handarbeit aufgestickt und Pailletten, Perlen und Steine einzeln
aufgenäht wurden, muß jedes Kind und auch jeden Sammler begeistern.
Wir, das Spielzeugmuseum in Rothenburg, haben im Laufe der letzten 30 Jahre
sehr viele Sonderausstellungen in anderen Museen arrangiert, so auch Barbieausstellungen,
die allgemein, vor allem aber in Ostdeutschland eine sehr gute Resonanz
hatten.
Das
Spielzeugmuseum
in Rothenburg wurde 1984 gegründet und zeigt in zwei Historischen
Häusern 200 Jahre Spielzeuggeschichte, die von mir in 50 Jahren zusammengetragen
und restauriert wurden.
Etwas zu erhalten und im
Leben zu gestalten, was nicht nur für den Augenblick gedacht war;
und auch in Zukunft noch Sinn machen sollte, war die Idee ein Spielzeugmuseum
zu gründen. Diese Idee wurde 1954 geboren - als ich auf einer Kohlenhalde
eine total desolate Gliederpuppe fand, die verbrannt werden sollte. Ich
rettete sie vor dem Feuertod. Das Schicksal der armen Puppe erinnerte mich
an mein eigenes Kinderspielzeug welches im Phosphorhagel 1945 verbrannte.
Diese Puppe war der Anfang einer großen Sammlertätigkeit - die
mich bis heute nicht losgelassen hat. Heute nach fast 23 Jahren in Rothenburg
ob der Tauber kämpfen wir ums Überleben des Museums. Rückblickend
war es ein Sprung ins Eiskalte Wasser, wir hatten anfangs steigende Besucherzahlen,
die sich bis 1995 auf 90.000 Besucher steigerten. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete
das Museum kostendeckend. Doch dann ging es langsam aber stetig abwärts,
im letzten Jahren hatten wir noch 19.000 Besucher, da reichen die Einnahmen
nicht mehr um die hohen Unterhaltskosten zu decken. Seit dem Tod meines
Mannes vor 6 Jahren habe ich nur noch wenige Sonderausstellungen in anderen
Museen gemacht. Die letzte große Ausstellung 2000/2001 im Stadtmuseum
Dresden, war die Weihnachts - Krippensammlung meines Mannes. Weihnachten
2004/5 stellten wir im Reichsstadtmuseum Ochsenhof in Bad Windsheim die
Barbiesammlung aus. Zur Zeit gibt es im Spielzeugmuseum Rothenburg wechselnde
kleine Sonderausstellungen. (hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung
von K.E.)
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