Friedrich Meinel
und die weißen Pferde von Sandberg
Ein vergessenes Stück
Geschichte der Rhöner Spielzeugherstellung 1877-1911
von
Hilla Schütze, Bad Kissingen (hier wiedergegeben mit der freundlichen
Genehmigung der Autorin)
In meinem Besitz befindet
sich eine dekorative Kutsche aus Peddigrohr, gezogen von einem kunstvoll
geschnitzten Holzpferd. Ein Kinderfoto zeigt meinen Vater im Garten beim
Spiel mit dieser Kutsche. Zwei Trachtenpüppchen, die dieses alte Foto
von 1912 als Fahrgäste in der Kutsche zeigt, sind verlorengegangen,
die Kutsche aber hat zwei Weltkriege überdauert und ist ohne Zweifel
das schönste Stück meiner Sammlung von Holzspielzeug.
Wo aber ist dieses schöne
Spielzeug entstanden? Es bedurfte langwieriger Recherchen, bis ich endlich
fündig wurde, denn es ist leider völlig vergessen, dass das Rhöndorf
Sandberg drei Jahrzehnte lang ein Zentrum der Herstellung schönster
Spielwaren war!
Die Ortschronik "300 Jahre
Sandberg" geht darauf nicht ein und auch die befragten Nachkommen der Holzschnitzer
wissen nichts mehr davon.
Tatsache aber ist, dass die
als "hervorragend schöne Holz- und Rohrspielwaren" mehrfach mit Medaillen
bei großen Ausstellungen ausgezeichneten Sandberger Erzeugnisse bis
nach Amerika und China verschifft wurden!
Zu verdanken hatten die Sandberger
Schnitzerfamilien Lohn und Brot über so viele Jahre hinweg dem Bad
Kissinger Spielwarenfabrikanten- und Händler Friedrich Meinel.
F.
Meinel stammte aus Klingenthal im Erzgebirge. Seine Vorfahren übten
als Schindelmacher, Spitzenhändler und Bergleute bodenständige
Berufe aus. Auch ein Geigenbaumeister war darunter, vielleicht verdankte
F. Meinel diesem sein Interesse an Musikinstrumenten?
Jedenfalls machte er sich
1877 in Kissingen ansässig und eröffnete die Klingenthaler Musik-Instrumenten-
Niederlage, Esport en gros & en detail" in der Ludwigstraße 65.
Im gleichen Jahr heiratete F. Meinel Antonie Zapf, die Tochter des Drechslermeisters
Carl Friedrich Chr. August Zapf aus Bayreuth, seit 1836 in Kissingen ansässig.
Zapf handelte mit Holz- und Galanteriewaren und hatte 1874 in der Ludwigstraße
einen neuen Laden erbaut, den er nun seinem Schwiegersohn übergab.
Friedrich Meinel war offensichtlich
ein äußerst rühriger, ideenreicher Geschäftsmann,
engagierte sich bei der Freiwilligen Sanitätskolonne, der Freiwilligen
Feuerwehr, war Mitglied im ev. Kirchenvorstand und Inhaber zahlreicher
Orden und Medaillen.
Gleich nach Übernahme
vergrößerte er den Laden in der Ludwigstraße und gründete
eine Holzschnitzschule in Sandberg. Im Mai 1877 hatte die Kissinger Saale-Zeitung
eine Artikelserie veröffentlicht "Vorschläge zur Hebung der Industrie
und Landwirtschaft in der Vorder-Rhön". Vielleicht war dies der Auslöser
für Friedrich Meinel, sich in der bitterarmen Rhön zu engagieren,
kam er doch selbst aus einem Gebiet, in dem die Not damals durch den Rückgang
des Erzabbaus besonders groß war.
Fünf Jahre nach Gründung
der Holzschnitzschule in Sandberg 1882 wird F. Meinel bei der 1. Bayerischen
Landes-Industrie-Gewerbe- und Kunstausstellung in Nürnberg mit einer
Großen Bronzenen Medaille ausgezeichnet für "eine reiche Sammlung
preiswürdiger, in Holz geschnitzter Pferde zu Spielzeug bestimmt".
1886 stirbt Antonie Meinel
nach neun Ehejahren, sie hinterläßt zwei Kinder im Alter von
sieben und acht Jahren. F. Meinel handelt noch immer mit Musikinstrumenten,
aber seit seinem Erfolg in Nürnberg hat er sein kaufmännisches
Interesse offensichtlich überwiegend der Spielwarenfabrikation und
dem Handel damit zugewandt. In großformatigen Anzeigen macht er auf
sein "Grosses Lager an Kissinger, Nürnberger, Schweizer und Sächsischen
Spielwaren" aufmerksam, als Spezialität führt er "Kissinger Trachtenpuppen"
und weist auf die Fabrikation von "Natura weissen Holzpferden und sortierten
Tieren" hin.
1888
beteiligt sich F. Meinel mit seinen Spielwaren auf der als "Internationaler
Wettkampf für Wissenschaft und Gewerbe in Brüssel sich ankündigenden
Weltausstellung" (Saale-Zeitung vom 22.04.1888) mit den Erzeugnissen der
Holzschnitzschule Sandberg. Die Saale-Zeitung schreibt: "Wir hatten heute
Gelegenheit, die Ausstellungsgegenstände des Herrn Meinel in seinem
Laden zu besichtigen und waren erstaunt über die wirklichen Kunstsinn
verrathenden Holzthiere (Haus- und wilde Thiere), welche als Spielwaren
versandt werden. Als Spezialität verfertigt die Schnitzschule in Sandberg
weiße Natura-Holzpferde in allen Größen, welche sich durch
die natürliche edle Haltung und die Mannigfaltigkeit der Stellung
auszeichnen und mit hübschem Lackleder-Riemenzeug ausstaffiert sind.
Auch recht nette geschnitzte Hirten mit ausdrucksvollem Gesicht gefielen
uns gut. Herr Meinel beschickt die Ausstellung mit ca. 20 Dutzend Figuren,
welche auf eleganter Stellage sich sehr vorteilhaft präsentieren.
Hoffen wir, daß der deutsche Gewerbefleiß auch in Brüssel
die ihm gebührende Auszeichnung erhalte".
Für die Weihnachtsausstellung
des gleichen Jahres in Kissingen wirbt F. Meinel bereits mit der Abbildung
der in Brüssel errungenen Silber-Medaille. Der Absatz von Spielwaren
an das internationale Publikum des Modebades Kissingen in diesen Jahren
scheint rege zu sein, denn während der Saison eröffnet das älteste
und bekannteste Spielwaren-Versandgeschäft Deutschlands, A. Wahnschaffe
aus Nürnberg, jeweils noch eine Filiale in Kissingen. Auch Karl Haßloch
und C. Witzel bieten Spiel- und Galanteriewaren an. Neuerdings empfiehlt
F. Meinel zu Fabrikpreisen "Kinderwagen, von den ordinärsten bis zu
den feinsten, Kinderstühle und "Sicherheits-Triumpfstühle". 1889
vergrößert er seine Lager- und Kellerräume in der Turmgasse.
Friedrich Meinel verkauft
seine Holzspielwaren nicht nur in Bad Kissingen. Der Spielwarengroßhändler
Adolf Fleischmann in der "Weltspielwarenstadt" Sonneberg hat sie ebenfalls
in seinem Angebot. In einer zeitgenössischen Beschreibung seines Musterzimmers
werden "die weißen, sehr hübsch modellierten Pferde aus der
Rhön" besonders hervorgehoben.
1890 folgt die Heirat mit
Lina Schachenmayer, 1891 und 1895 werden eine Tochter und sein Sohn geboren.
Inzwischen wirbt F. Meinel mit mehrsprachigen Anzeigen, er stellt sich
vor als "Inhaber der Silbernen Medaille zum Kgl. Sächsischen Verdienstorden",
man erfährt, daß er eine "Manufactory of fine dressed Music-dolls
and fancy goods of every kind"! betreibt. Die Versendung nach allen Weltteilen
erfolgt prompt und billigst.
1896 und 1897 erringen die
Sandberger Holz- und Rohrspielwaren von Friedrich Meinel je eine silberne
Medaille in Nürnberg und Leipzig. Professor Rudel, München, schreibt
in einem Bericht über die Bayer. LA zu Nürnberg "...Die Halle
16 ist mit grossen Bildern von Aschaffenburg und Kissingen geschmückt...
Links vom Haupteingang enthält ein grosser Schrank zum Ergötzen
der Jugend als reine Arche Noah Tiere aus Holz in verschiedenen Größen,
angefertigt in der vom Aussteller F. Meinel, Kissingen 1877 gegründeten
Holzschnitzschule Sandberg v.d.Rhön; sie erfreuen das Auge durch den
Ausdruck lebhafter Bewegung, wie durch ihre meist gut geglückte Charakteristik".
Friedrich Meinel beschäftigt inzwischen die gesamte Gemeinde Sandberg,
die ausschließlich Tierfiguren für ihn herstellt. In Heimarbeit
übernehmen die Familien das Putzen und Schirren der Pferdchen.
Am 24.02.1896 schreibt die
Saale-Zeitung: "Gestern hatten wir nun Gelegenheit, die für Nürnberg
bestimmte Ausstellung des Herrn Friedrich Meinel zu besichtigen. Dieselbe
gewährt eine Übersicht über die gesammte Rhön-Industrie
dieser Firma und bietet einen reizenden Anblick. Hunderte von naturweißen,
getreu dem Leben nachgebildeten Holzpferdchen von den kleinsten bis zu
den größten sieht man in einem großen Regal aufgestellt,
teilweise hübsch gesattelt und geschirrt. Daneben hausen friedlich
zusammen Lämmer und Wölfe, Elephanten und Kameele, Katzen, Löwen
und Hunde etc. Das Ganze wird gekrönt von einem schwebenden Adler.
Auch Prachtexemplare der Rohr-Industrie sieht der Besucher vor sich, so
einen Galaschlitten mit gallonirtem Diener auf dem Rücksitz, einen
Prachtwagen, den Equipagen des Königs Ludwig II nachmodelliert, einen
Wagen, wie sie wandernde Künstler mit sich führen etc. Die von
Herrn Meinel 1877 ins Leben gerufene Industrie ist für die arme Rhön
zum Segen geworden, mehr als 30 Arbeiter, darunter zahlreiche Familienväter
sind ständig, theils in der Fabrik zu Sandberg, theils in der Hausindustrie
in Sandberg, Premich etc. beschäftigt, die Steinaspe, die "Linde der
Rhön" (heute: Espe oder Zitterpappel) zu bearbeiten; es sind ideale
Hölzer für den Ausdruck nervösen, natürlichen Lebens
im spröden Material. Die weißen Holzpferde von F. Meinel haben
den Ruf des Rhöner Landes in ferne Welten getragen. Nächst Amerika
und England ist China eine bedeutende Absatzquelle für diese Spezialität.
Möge dem rührigen Fabrikanten auch auf der bevorstehenden Ausstellung
der Erfolg nicht fehlen, wie ihm die Anerkennung bereits 1882 und 1888
in Brüssel zu theil wurde".
Aus einem Bericht Friedrich
Meinel´s für den Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer
Würzburg 1897: "Die Kissinger Rohr- und Holzwarenindustrie nimmt von
Jahr zu Jahr bedeutendere Dimensionen an, und gehen diese Erzeugnisse nach
allen Welttheilen. Die Arbeiter haben einen guten Verdienst und schaffen
das ganze Jahr ununterbrochen, der Segen dieser Industrie ist recht fühlbar
und schätzen sich viele Familien glücklich, eine solche Einnahmequelle
gefunden zu haben, der Begründer dieser Industrie kann aber nicht
oft genug seine Bitte wiederholen, daß der Ausrottung des Aspenholzes
mit aller Energie entgegengetreten und daß für die Neuanpflanzung
gesorgt werden möge, besonders in den Staatswaldungen Kissingen, Aschach,
Steinach, Premich, Schmalwasser und Sandberg. Nicht für seine Person
stellt der Bittende das Ersuchen, sondern für die folgenden Generationen,
damit einst die Spielwaren-Industrie in Kissingen ebenso blühen kann,
wie in Sonneberg in Thüringen".
Der Aufruf Aspenholz nachzupflanzen
ist begründet: Gerade im Sandberger Distrikt ist die Forstverwaltung
dazu übergegangen, die Aspen- und Lindenbestände durch Fichten-
und Tannen zu ersetzen, die leichter verkäuflich sind. Friedrich Meinel
greift zur Selbsthilfe, er kauft eine Wiese bei Sandberg auf um dort Aspen
und Linden zu pflanzen. Dies wiederum verhindern die ackerbautreibenden
Sandberger, die eine Beeinträchtigung ihrer Ernten auf den angrenzenden
Feldern befürchten. So stehen sich auf kleinstem Raum die Interessen
gegenüber, obwohl doch Friedrich Meinel ihr Arbeitgeber ist und die
Schnitzer darauf angewiesen sind, ihren Holzbedarf aus dem Umland zu decken.
Nach der Jahrhundertwende
werden F. Meinels Sandberger Spielwaren wiederum prämiert, und zwar
bei der 3. und letzten großen Bayer. Landes-Industrie-Gewerbe- und
Kunstaustellung in Nürnberg 1906. Für "naturgetreue und geschmackvolle
Ausführung der Erzeugnisse sowie für Hebung dieses Industriezweiges
im Rhöngebiet erhält F. Meinel die Bewertung "sehr gut" und eine
Silbermedaille. Nur wenige Jahre sind dem erfolgreichen Geschäftsmann
noch vergönnt. Als Neuheit bietet er "Holzfahrzeuge mit Federantreib"
an, sowie "Aecht englische Lawn-Tennis Utensilien und prima Fischerei-Gerätschaften".
Am 07.06.1911 stirbt F. Meinel
überraschend "nach kurzem schweren Leiden". Die wirtschaftlich inzwischen
von Meinel abhängigen Sandberger Schnitzer werden arbeitslos, müssen
ihr Angebot an Schnitzereien verändern und den Absatz ihrer Erzeugnisse
wieder selbst in die Hand nehmen. Lina Meinel baut noch im Jahr 1911 den
Laden ihres Mannes in drei einzelne Läden um, führt aber das
Geschäft noch kurze Zeit weiter. Im Januar 1912 erscheint der letzte
Katalog der Holz- Rohrspielwarenfabrik von Friedrich Meinel. 1913 führt
eine Statistik im Dorf Sandberg nur noch 6 Holzschnitzerei-Heimarbeiter
auf, einschließlich des 60jährigen Meisters und ehemaligen Leiters
der Holzschnitzschule. |