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Holzspielzeug aus dem Erzgebirge
Aktualisiert
01.05.2001
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"Weiße Pferde aus der Rhön"

Friedrich Meinel und die weißen Pferde von Sandberg
Ein vergessenes Stück Geschichte der Rhöner Spielzeugherstellung 1877-1911
von Hilla Schütze, Bad Kissingen (hier wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung der Autorin)

In meinem Besitz befindet sich eine dekorative Kutsche aus Peddigrohr, gezogen von einem kunstvoll geschnitzten Holzpferd. Ein Kinderfoto zeigt meinen Vater im Garten beim Spiel mit dieser Kutsche. Zwei Trachtenpüppchen, die dieses alte Foto von 1912 als Fahrgäste in der Kutsche zeigt, sind verlorengegangen, die Kutsche aber hat zwei Weltkriege überdauert und ist ohne Zweifel das schönste Stück meiner Sammlung von Holzspielzeug.

Wo aber ist dieses schöne Spielzeug entstanden? Es bedurfte langwieriger Recherchen, bis ich endlich fündig wurde, denn es ist leider völlig vergessen, dass das Rhöndorf Sandberg drei Jahrzehnte lang ein Zentrum der Herstellung schönster Spielwaren war!

Die Ortschronik "300 Jahre Sandberg" geht darauf nicht ein und auch die befragten Nachkommen der Holzschnitzer wissen nichts mehr davon.

Tatsache aber ist, dass die als "hervorragend schöne Holz- und Rohrspielwaren" mehrfach mit Medaillen bei großen Ausstellungen ausgezeichneten Sandberger Erzeugnisse bis nach Amerika und China verschifft wurden!

Zu verdanken hatten die Sandberger Schnitzerfamilien Lohn und Brot über so viele Jahre hinweg dem Bad Kissinger Spielwarenfabrikanten- und Händler Friedrich Meinel.

F. Meinel stammte aus Klingenthal im Erzgebirge. Seine Vorfahren übten als Schindelmacher, Spitzenhändler und Bergleute bodenständige Berufe aus. Auch ein Geigenbaumeister war darunter, vielleicht verdankte F. Meinel diesem sein Interesse an Musikinstrumenten?

Jedenfalls machte er sich 1877 in Kissingen ansässig und eröffnete die Klingenthaler Musik-Instrumenten- Niederlage, Esport en gros & en detail" in der Ludwigstraße 65. Im gleichen Jahr heiratete F. Meinel Antonie Zapf, die Tochter des Drechslermeisters Carl Friedrich Chr. August Zapf aus Bayreuth, seit 1836 in Kissingen ansässig. Zapf handelte mit Holz- und Galanteriewaren und hatte 1874 in der Ludwigstraße einen neuen Laden erbaut, den er nun seinem Schwiegersohn übergab.

Friedrich Meinel war offensichtlich ein äußerst rühriger, ideenreicher Geschäftsmann, engagierte sich bei der Freiwilligen Sanitätskolonne, der Freiwilligen Feuerwehr, war Mitglied im ev. Kirchenvorstand und Inhaber zahlreicher Orden und Medaillen.

Gleich nach Übernahme vergrößerte er den Laden in der Ludwigstraße und gründete eine Holzschnitzschule in Sandberg. Im Mai 1877 hatte die Kissinger Saale-Zeitung eine Artikelserie veröffentlicht "Vorschläge zur Hebung der Industrie und Landwirtschaft in der Vorder-Rhön". Vielleicht war dies der Auslöser für Friedrich Meinel, sich in der bitterarmen Rhön zu engagieren, kam er doch selbst aus einem Gebiet, in dem die Not damals durch den Rückgang des Erzabbaus besonders groß war.

Fünf Jahre nach Gründung der Holzschnitzschule in Sandberg 1882 wird F. Meinel bei der 1. Bayerischen Landes-Industrie-Gewerbe- und Kunstausstellung in Nürnberg mit einer Großen Bronzenen Medaille ausgezeichnet für "eine reiche Sammlung preiswürdiger, in Holz geschnitzter Pferde zu Spielzeug bestimmt".

1886 stirbt Antonie Meinel nach neun Ehejahren, sie hinterläßt zwei Kinder im Alter von sieben und acht Jahren. F. Meinel handelt noch immer mit Musikinstrumenten, aber seit seinem Erfolg in Nürnberg hat er sein kaufmännisches Interesse offensichtlich überwiegend der Spielwarenfabrikation und dem Handel damit zugewandt. In großformatigen Anzeigen macht er auf sein "Grosses Lager an Kissinger, Nürnberger, Schweizer und Sächsischen Spielwaren" aufmerksam, als Spezialität führt er "Kissinger Trachtenpuppen" und weist auf die Fabrikation von "Natura weissen Holzpferden und sortierten Tieren" hin.

1888 beteiligt sich F. Meinel mit seinen Spielwaren auf der als "Internationaler Wettkampf für Wissenschaft und Gewerbe in Brüssel sich ankündigenden Weltausstellung" (Saale-Zeitung vom 22.04.1888) mit den Erzeugnissen der Holzschnitzschule Sandberg. Die Saale-Zeitung schreibt: "Wir hatten heute Gelegenheit, die Ausstellungsgegenstände des Herrn Meinel in seinem Laden zu besichtigen und waren erstaunt über die wirklichen Kunstsinn verrathenden Holzthiere (Haus- und wilde Thiere), welche als Spielwaren versandt werden. Als Spezialität verfertigt die Schnitzschule in Sandberg weiße Natura-Holzpferde in allen Größen, welche sich durch die natürliche edle Haltung und die Mannigfaltigkeit der Stellung auszeichnen und mit hübschem Lackleder-Riemenzeug ausstaffiert sind. Auch recht nette geschnitzte Hirten mit ausdrucksvollem Gesicht gefielen uns gut. Herr Meinel beschickt die Ausstellung mit ca. 20 Dutzend Figuren, welche auf eleganter Stellage sich sehr vorteilhaft präsentieren. Hoffen wir, daß der deutsche Gewerbefleiß auch in Brüssel die ihm gebührende Auszeichnung erhalte".

Für die Weihnachtsausstellung des gleichen Jahres in Kissingen wirbt F. Meinel bereits mit der Abbildung der in Brüssel errungenen Silber-Medaille. Der Absatz von Spielwaren an das internationale Publikum des Modebades Kissingen in diesen Jahren scheint rege zu sein, denn während der Saison eröffnet das älteste und bekannteste Spielwaren-Versandgeschäft Deutschlands, A. Wahnschaffe aus Nürnberg, jeweils noch eine Filiale in Kissingen. Auch Karl Haßloch und C. Witzel bieten Spiel- und Galanteriewaren an. Neuerdings empfiehlt F. Meinel zu Fabrikpreisen "Kinderwagen, von den ordinärsten bis zu den feinsten, Kinderstühle und "Sicherheits-Triumpfstühle". 1889 vergrößert er seine Lager- und Kellerräume in der Turmgasse.

Friedrich Meinel verkauft seine Holzspielwaren nicht nur in Bad Kissingen. Der Spielwarengroßhändler Adolf Fleischmann in der "Weltspielwarenstadt" Sonneberg hat sie ebenfalls in seinem Angebot. In einer zeitgenössischen Beschreibung seines Musterzimmers werden "die weißen, sehr hübsch modellierten Pferde aus der Rhön" besonders hervorgehoben.

1890 folgt die Heirat mit Lina Schachenmayer, 1891 und 1895 werden eine Tochter und sein Sohn geboren. Inzwischen wirbt F. Meinel mit mehrsprachigen Anzeigen, er stellt sich vor als "Inhaber der Silbernen Medaille zum Kgl. Sächsischen Verdienstorden", man erfährt, daß er eine "Manufactory of fine dressed Music-dolls and fancy goods of every kind"! betreibt. Die Versendung nach allen Weltteilen erfolgt prompt und billigst.

1896 und 1897 erringen die Sandberger Holz- und Rohrspielwaren von Friedrich Meinel je eine silberne Medaille in Nürnberg und Leipzig. Professor Rudel, München, schreibt in einem Bericht über die Bayer. LA zu Nürnberg "...Die Halle 16 ist mit grossen Bildern von Aschaffenburg und Kissingen geschmückt... Links vom Haupteingang enthält ein grosser Schrank zum Ergötzen der Jugend als reine Arche Noah Tiere aus Holz in verschiedenen Größen, angefertigt in der vom Aussteller F. Meinel, Kissingen 1877 gegründeten Holzschnitzschule Sandberg v.d.Rhön; sie erfreuen das Auge durch den Ausdruck lebhafter Bewegung, wie durch ihre meist gut geglückte Charakteristik". Friedrich Meinel beschäftigt inzwischen die gesamte Gemeinde Sandberg, die ausschließlich Tierfiguren für ihn herstellt. In Heimarbeit übernehmen die Familien das Putzen und Schirren der Pferdchen.

Am 24.02.1896 schreibt die Saale-Zeitung: "Gestern hatten wir nun Gelegenheit, die für Nürnberg bestimmte Ausstellung des Herrn Friedrich Meinel zu besichtigen. Dieselbe gewährt eine Übersicht über die gesammte Rhön-Industrie dieser Firma und bietet einen reizenden Anblick. Hunderte von naturweißen, getreu dem Leben nachgebildeten Holzpferdchen von den kleinsten bis zu den größten sieht man in einem großen Regal aufgestellt, teilweise hübsch gesattelt und geschirrt. Daneben hausen friedlich zusammen Lämmer und Wölfe, Elephanten und Kameele, Katzen, Löwen und Hunde etc. Das Ganze wird gekrönt von einem schwebenden Adler. Auch Prachtexemplare der Rohr-Industrie sieht der Besucher vor sich, so einen Galaschlitten mit gallonirtem Diener auf dem Rücksitz, einen Prachtwagen, den Equipagen des Königs Ludwig II nachmodelliert, einen Wagen, wie sie wandernde Künstler mit sich führen etc. Die von Herrn Meinel 1877 ins Leben gerufene Industrie ist für die arme Rhön zum Segen geworden, mehr als 30 Arbeiter, darunter zahlreiche Familienväter sind ständig, theils in der Fabrik zu Sandberg, theils in der Hausindustrie in Sandberg, Premich etc. beschäftigt, die Steinaspe, die "Linde der Rhön" (heute: Espe oder Zitterpappel) zu bearbeiten; es sind ideale Hölzer für den Ausdruck nervösen, natürlichen Lebens im spröden Material. Die weißen Holzpferde von F. Meinel haben den Ruf des Rhöner Landes in ferne Welten getragen. Nächst Amerika und England ist China eine bedeutende Absatzquelle für diese Spezialität. Möge dem rührigen Fabrikanten auch auf der bevorstehenden Ausstellung der Erfolg nicht fehlen, wie ihm die Anerkennung bereits 1882 und 1888 in Brüssel zu theil wurde".

Aus einem Bericht Friedrich Meinel´s für den Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer Würzburg 1897: "Die Kissinger Rohr- und Holzwarenindustrie nimmt von Jahr zu Jahr bedeutendere Dimensionen an, und gehen diese Erzeugnisse nach allen Welttheilen. Die Arbeiter haben einen guten Verdienst und schaffen das ganze Jahr ununterbrochen, der Segen dieser Industrie ist recht fühlbar und schätzen sich viele Familien glücklich, eine solche Einnahmequelle gefunden zu haben, der Begründer dieser Industrie kann aber nicht oft genug seine Bitte wiederholen, daß der Ausrottung des Aspenholzes mit aller Energie entgegengetreten und daß für die Neuanpflanzung gesorgt werden möge, besonders in den Staatswaldungen Kissingen, Aschach, Steinach, Premich, Schmalwasser und Sandberg. Nicht für seine Person stellt der Bittende das Ersuchen, sondern für die folgenden Generationen, damit einst die Spielwaren-Industrie in Kissingen ebenso blühen kann, wie in Sonneberg in Thüringen".

Der Aufruf Aspenholz nachzupflanzen ist begründet: Gerade im Sandberger Distrikt ist die Forstverwaltung dazu übergegangen, die Aspen- und Lindenbestände durch Fichten- und Tannen zu ersetzen, die leichter verkäuflich sind. Friedrich Meinel greift zur Selbsthilfe, er kauft eine Wiese bei Sandberg auf um dort Aspen und Linden zu pflanzen. Dies wiederum verhindern die ackerbautreibenden Sandberger, die eine Beeinträchtigung ihrer Ernten auf den angrenzenden Feldern befürchten. So stehen sich auf kleinstem Raum die Interessen gegenüber, obwohl doch Friedrich Meinel ihr Arbeitgeber ist und die Schnitzer darauf angewiesen sind, ihren Holzbedarf aus dem Umland zu decken.

Nach der Jahrhundertwende werden F. Meinels Sandberger Spielwaren wiederum prämiert, und zwar bei der 3. und letzten großen Bayer. Landes-Industrie-Gewerbe- und Kunstaustellung in Nürnberg 1906. Für "naturgetreue und geschmackvolle Ausführung der Erzeugnisse sowie für Hebung dieses Industriezweiges im Rhöngebiet erhält F. Meinel die Bewertung "sehr gut" und eine Silbermedaille. Nur wenige Jahre sind dem erfolgreichen Geschäftsmann noch vergönnt. Als Neuheit bietet er "Holzfahrzeuge mit Federantreib" an, sowie "Aecht englische Lawn-Tennis Utensilien und prima Fischerei-Gerätschaften".

Am 07.06.1911 stirbt F. Meinel überraschend "nach kurzem schweren Leiden". Die wirtschaftlich inzwischen von Meinel abhängigen Sandberger Schnitzer werden arbeitslos, müssen ihr Angebot an Schnitzereien verändern und den Absatz ihrer Erzeugnisse wieder selbst in die Hand nehmen. Lina Meinel baut noch im Jahr 1911 den Laden ihres Mannes in drei einzelne Läden um, führt aber das Geschäft noch kurze Zeit weiter. Im Januar 1912 erscheint der letzte Katalog der Holz- Rohrspielwarenfabrik von Friedrich Meinel. 1913 führt eine Statistik im Dorf Sandberg nur noch 6 Holzschnitzerei-Heimarbeiter auf, einschließlich des 60jährigen Meisters und ehemaligen Leiters der Holzschnitzschule.