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- Nürnberg und der Nürnberger Raum
> ein Ausgangspunkt war der
"Große Freiheitsbrief" (1219) von Kaiser Friedrich II., welcher Nürnberger
Kaufgeschäften Zollfreiheiten garantierte und damit bis nach 1600
Vorteile für die Handelsentwicklung schuf
Voraussetzungen
-
eine günstige verkehrsgeografische
Lage am Kreuzungspunkt wichtiger Handelslinien, ein Fernstraßennetz
verband Nürnberg mit vielen Teilen Europas, damit durchliefen die
Stadt verschiedenste Einflüsse, Spielzeug muss vor 1700 nur
Beifracht zu anderen Handelsladungen betrachtet werden
-
eine handwerkliche Basis innerhalb
der Stadt, hochspezialisiert und frühzeitig auch auf Produkte für
Kinder orientiert, wenn auch für begüterter Kreise der Stadt
- frühe Tonpüppchen (Bodenfunde aus dem 15. Jh. in der Stadt
Nürnberg) werden als ritualisierte Schenk- und Spielfiguren eingeschätzt
FAZIT:
Nürnberg geriet nördlich der Alpen auf Grund seiner topografischen
Lage und einer handwerklichen Stadtkultur zu einem merkantilen und auch
gestalterisch-didaktischen Sammelpunkt von Spiel- und Spielzeugentwicklungen
und fungierte seit dem Mittelalter als Umschlagplatz von Produkt und Idee
> “Dockenwerk” (Überbegriff)
um 1600 bereits als geläufige Bezeichnung für Kinderware/ Spielzeug:
> “Dockenmacher" - der Spielzeugmacher
im weitesten Sinne
> im Ständebuch von
Christoff Weigel (1698) wurden “Dockenmacher” dem verwendeten Material
nach untergliedert - Trachant, Pappenzeug (Papiermaché), Alabaster,
Wachs(bossierer) oder Holz
> Weigel (Ende des 17. Jh)
über die Spielzeug-Drechsler (zitiert bei BACHMANN/FRITZSCH 1965,
Seite 16 f.): "... viele artige Docken und Puppenwerke zu schnitzen und
zu drehen/ allerlei Kling- und Klapperwerk (Soldatenkästchen) zu verfertigen/
und denen Bildern/ ja offt vielen zugleich fast natürliche Beugungen
beyzubringen, daß auch wohl Erwachsene und Alte selbige nicht ohne
Belustigung anschauen" - die gefertigten Figuren besaßen bewegliche
Glieder, die "durch einen gewissen Zug, Druck oder Verdrehung sich regen."
> 1719 beschreibt Johann
Friedrich Filzhofer die Nürnberger Handwerkerschaft und führt
sehr differenziert die Spielzeugmacher auf: "Der Dockenmacher sein mancherley,
theils machen, so man hädern (ledern ! K.A.) nennt, so der Corpus
mit Flachswerck, Scheerwollen oder dergleichen ausgefüllt worden,
hernach auf mancherley Art schlecht und schön, nach Gelegenheit gekleidet,
welchs meistens eine Weiberarbeit ist. Hernach werden Docken von Holz geschnitten,
Reiter zu Fuß, weib und Mann, allerhand Thier und Vogel, theils Pferdt
und thier gemahlt, theils mit unzeitigen Kalb und anderen Thierfellen überzogen.
Mehr gibt es solche mit Pappier und anderer Materi, allerhand Pferdt, Docken,
Hund und anders auf mancherley Muster machen, der heißt mit Namen
die Pappierne Dockenmacher." (WENZEL 1967, Seite 10)
Gliederung nach Materialien
und Sachgruppen
-
Holz: Schreiner- und Weißmacher:
Puppenhäuser, Puppenküchen, Steckenpferde, Klappern, Windräder,
Puppenmöbel, Guckkästen (zumeist unbemalt - also “weiß”)
-
Wismutmaler: bemalen zunächst
im wesentlich Dinge vom Schreiner, später eigene Gesamtherstellung
(Lackmalerei auf einem Grund aus Kreide und Wismut)
-
Messinggießer: Brummeisen,
Maultrommeln, Blechklappern, Schellen
-
verschiedenes Metall: Flaschner
(Klempner): Puppenküchen, Öfen, Häuschen, Zubehör -
erste handwerklich gefertigte Metallspielwaren
-
“Nürnberger
Tand” - Waren- und Handelsbegriff, welcher zuerst metallene Kleinigkeiten,
Kunstschlosserarbeiten meinte, ein Ausgangspunkt Nürnberger-"Tandes"
war wohl ein Rechenpfennig aus Messing/ Kupfer für Würfelspiele
oder auch zum Unterrichten - typisch für den Nürnberger Tand
steht das sogenannte "Zankeisen" (Geschicklichkeitsspiel)
-
Ton, stein, Keramik: "Perlein-macher"
Tonmurmeln, Glasmurmeln
-
Zinngießer: Puppengeschirr,
religöses Spielzeug, Figürliches
-
Papiermaché-Hersteller
- bereits bei Christoff Weigel 1698 im Ständebuch ein Hinweis: “Pappenzeuch"
- später dann Entwicklungen zu Papiermaché-Puppenköpfen,
zur Larvenherstellung/ Maskenherstellung, Papiermaché-Puppen und
Wickelkinder, Osterlämmer
-
Tragant- und Zuckerfiguren (Bocksdornablagerung
(Tragant), Stärkemehl + Wasser): Figuren, Häuser ganze figürliche,
bzw. dekorative Szenen
-
Alabaster (Gips) -hersteller:
um 1700 wohl sehr verbreitet - Reliefs und Figuren
-
optische Spielzeuge im 18. Jh.:
Guckkasten (räumlich aufgeteiltes Tiefenbild aus Einzelstücken),
camera obscura (Bild auf Glasplatte hinterleuchtet, bunte Fenster, leuchtender
Mond usw), laterna magica (Projektion durchscheinender Bilder mit Spiegel
und Linse)
-
Spielzeug aus Papier/Pappe,
in Buchform bedruckt, berühmt das "orbis sensualium pictus" von Johann
Amos Comenius, erschienen 1658 im Endter-Verlag, es folgten Nürnberger
ABC-Bücher, Jugendkalender, Jugendalmanache bis hin zu "Zeitvertreib
für junge Leute" 1793 von Peter Voit (ein belehrendes Jugendbuch),
Bilderbögen mit historischen, gesellschaftlichen Inhalten, Papiertheater,
Ausschneide- und Ankleidepuppen
-
Würfel-, Karten bzw. Spielemacher;
mit Erfindung des Holzdruckes kam es zum Aufschwung in der Kartenproduktion,
Anfang des 15. Jh. ist Nürnberg eine führende Stätte der
Spielkartenherstellung in Deutschland, daraus entwickelte sich u.a. die
Spiele-Herstellung
Nürnberg und die Salzburger
Exulanten
> 1735 kam es zum Zuzug von
Exulanten aus dem "Salzburger Land" nach Nürnberg und Umgebung,
14 Emigrantenfamilien sind allein in Altdorf (bei Nürnberg) ansässig
geworden, andere in der Vorstadt Wöhrd, die "Salzburger" waren wegen
ihres protestantischem Glaubens aus dem Salzburger Gebiet vertrieben worden,
kamen vor allem aus Berchtesgaden (Schnitzer, Drechsler und Schachtelmacher)
> deren Erzeugnisse (u.a.
mit bunter Leimfarbenmalerei) waren den Nürnberger Kaufleuten bereits
bekannt, die “Salzburger” bedrängten durchaus die einfachen Spielwarenfertiger
Nürnbergs, doch litten sie wie alle unter der allgemeinen Entwicklung
(Preisdruck, Holzknappheit usw.) - die “Altdorfer Leier” (Klingkästchen
bzw. Klimperkästchen) gehörte zum typischen Prouktionsprofil
- um 1796 wurden in Altdorf noch 8 Schnitzer, 6 Drechsler und 2 Schachtelmacher
gezählt - die Anzahl der Hersteller ging in nach 1800 zurück
Nürnbergs Spielzeugproduktion
lief lange Zeit "zweigleisig":
-
billiges Mengenspielzeug von
verschiedenen, nicht zunftorganisierten Anbietern
-
Exklusivware in der Einzelfertigung
für Patrizier und Fürstenhöfe (Kunstschlosserei, mechanisierte
Schaustücke, Exklusiv-Puppenhäuser im Maßstab, hier verwischten
Grenzen zur Kunst)
Handelsmetropole Nürnberg
-
Nürnberger Spielzeughändler
bezogen im 17. bis zum 19. Jh. Spiel-Waren aus verschiedenen
Erzeugergebieten in ihr Sortiment ein, zumeist waren es hölzerne Dinge
aus hausindustrieller Fertigung, so wurde Nürnberg seit dem
18. Jh. gleichsam eine (die) Sammelstelle von Ideen, Produkten und Neuerungen
-
Konkurrenzkampf und die Monopolstellung
der Nürnberger (und anderer) Händler gestaltete sich zumeist
über die Breite des Angebotes und das Preis-Leistungsverhältnis
(Wohlfeilheit), nach dem Motto: dort wird produziert, wo es am billigsten
hergestellt werden kann
-
weitläufiger Handel ließ
die ursprünglichen Eigenarten der Regionen vermischen und mitunter
verschwinden, Nürnberger Händler ließen mit ihrem Handeln
möglichweise die Herstellerkonkurrenz in anderen Gegenden erstarken,
um hier billiger einkaufen zu können
Hieronimus Georg Bestelmeier
(Nürnberg) "Magazin von verschiedenen Kunst- und anderen nützlichen
Sachen..." 1803 (Neudruck Zürich 1979, herausgegeben von Theo
Gantner); erster umfangreicher, bebilderter Warenkatalog, bei dem Spielzeug
im Mittelpunkt stand, wohl mit bestem Überblick über Spieldinge
um 1800, differenziertes Angebot an Massenproduktion und kostbaren Einzelprodukten,
zugehörige Produktbeschreibungen geben Zugang zu Preisen, Details
und den Verwendungszweck
> ein Rückgang der Holzspielzeug-Herstellung
in Nürnberg war mit dem beginnenden 19. Jh. zu verzeichnen, die erstarkenden
Spielwaren-Verleger in Thüringen (Sonneberg) und im Erzgebirge übernahmen
um 1850 mehr und mehr die Vorherrschaft im Bereich des Holzspielzeuges
Exkurs: Nürnberger
Zinn-Figurenspielzeug
> bereits im Mittelalter
wurde Figürliches aus Zinn hergestellt - als Andenken oder für
Kinder miniaturisierte religiöse Gebrauchsgegenstände; Devotionalien,
Figuren für Wallfahrtsorte, Andenken- und Anbetungsfiguren, daneben
umfängliche Zinn-Spielzeugherstellung (zumeist Ausstattungen für
Puppenküchen und Puppenhäusern), Figuren mit Standplatte
ab 1750 verbreiteter, auch sortimentiert und nicht nur als Einzelstück:
bedeutend war die Werkstatt Johann Gottfried Hilpert in Nürnberg (1732-1801):
Flachfiguren (nach Definition nicht dicker als 1 mm) mit Tierdarstellungen,
Schachspiele, Soldaten; ab 1805 standen mehr Soldaten im Vordergrund, Einzel-Figuren
z.T. signiert und datiert (Mischung 2 Teile Zinn und 1 Teil Blei)
> besonders Spielzeughändler
Stahl (um 1800) war auf Zinnfiguren spezialisiert: "Verzeichnis über
verschiedene fein und ordinaire gemahlte Zinn-Figuren und andere dergleichen
Kunst-Waaren, welches in des Johann Ludwig Stahl, Hilperts seel. Erben
Kunstwaaren-Verlag in Nürnberg, um beygesetzte Preise gegen baare
Bezahlung zu haben sind (Militaire, Jägereyen, Ländliche Vorstellungen,
Wägen, Hausgeräthe, Portaits en Medaillon)" - Größen:
50 bis 76 mm hoch oder für Einelstücke bis 150 mm
> für das 19. Jh. wichtig
die Werkstatt "Ernst Heinrichsen" (1809-1888) - Massenproduktion, thematisch
differenziert und auch qualitätvoll; 1839 wurde die "Zinn-Compositions-Figuren-Fabrik"
gegründet - Heinrichsens Figurenhöhe von 28 bis 30 mm setzte
sich durch = "Nürnberger Maß"- begünstigte die serielle
und erweiterbare Sortimentierung (siehe auch das hölzerne Miniaturspielzeug
des Erzgebirges nach 1900)
> Fürth begann aufzusteigen,
als sich Nürnberger Hersteller hier niederließen, zum Teil aus
Nürnberg ausgewiesen, Fürth etablierte sich im 19. Jh. zu einer
Konkurrenz für Nürnberg (in Fürth herrschte großzügigere
Gewerbefreiheit) in Fürth günstigeres Kostenbild (Lohn, Steuern
u.ä.); bedeutendster Zinnfigurenhersteller Anfang des 19. Jh. war
Johann Christian Allgeyer, übernahm das Hinrichsen-Maß und entwickelte
eine hohe Qualität,
Exkurs: technische Spielwaren
des Nürnberger Raumes
> bereits das Musterbuch
von Bestelmeier hat um 1803 einen ersten Überblick über handwerklich
gefertigtes Blechspielzeug gegeben: Pumpbrunnen, Schwan mit Magnetstab,
englische Kutsche, aufgezogen selbstfahrend, durch Uhrwerk laufendes Eichhörnchen
usw. - Mechano-optisches und elektrisches, magnetisches Spielzeug, neben
der Unterhaltung waren die Dinge auch zum Experiment und zur Belehrung
gedacht
> 1861 wurde die Nürnberger
Firma J.M.Ißmayer für magnetische Spiele ausgezeichnet: ..die
mechanischen Schwimmfiguren sind hohl und wasserdicht, aus dünnem
Messingblech gefertigt und durch ein eingesetztes, magnetisch gemachtes
Eisenstäbchen mit der Eigenschaft ausgestattet, dem Magnet zu folgen
(an der Schnur oder Angel)
> 1851 waren unter den 195
Nürnberger Spielwarenherstellern lediglich zwei Blechspielwarenhersteller
zuzüglich 17 "Fabrikanten von artistischem und mechanischem Spielzeug"
- damit 19 "Blech-Firmen" zu finden;
> um 1900 Expansion und
Konzentration zugunsten der großen (Industrie) Betriebe (Bing, Carette,
Fleischmann, Abbildung Schoenner), für Nürnberg kam es
zwischen 1907 und 1925 zu einer Verdopplung der beschäftigten Personen,
aber zu keiner Vermehrung der Betriebszahlen
> die meisten größeren
Betriebe schlossen sich 1912 der "Vereinigung der Spiel- und Metallwarenfabrikanten
und verwandten Geschäftszweige von Nürnberg-Fürth und Umebung
e.V." an, um gemeinsame Produktion und Preisgestaltung zu bewirken
2
- Hallein (Salzburger Land)
Hallein, eine durch den geografischen
Standort und reiche Salzvorkommen emporgekommene Gemeinde und wichtiger
Industriestandort des einstigen Erztstiftes Salzburg, entwickelte Ende
des 17. Jh. ein aufstrebendes Zweitgewerbe, die Verarbeitung von Baumwolle
- vorrangig im Verlegersystem. Um 1750 mußte durch Zoll- und Absatzprobleme
ein Beschäftigungsprogramm neue Erwerbsquellen erschließen.
So entstand in Hallein die Holzwarenfabrikation; ein bedeutsamer Produzent
wurde nach 1800 die "Kaiserlich königlich privilegierte Holzwaren-Fabrik
Companie in Hallein". Das Sortiment, mit dem auch gehandelt wurde, war
breit gefächert: Spanschachteln, mit Stroh eingelegte Artikel, Musikinstrumente
und unrer dem Spielzeug verchiedene Klappern, Kinderküchengeschiurr,
Tierfiguren, Blasbalgvögel, Ratschen, Trompeten, klingende Wagen mit
Pferden, Tanzdocken, Scheberdocken, bemalte Fatschenkindl, Hühnersteigen,
Grillhäusl, Steckenpferde, Soldaten, Kegelspiele, Schach, Dame, Pfeifen
usw. Musterblätter um 1830 geben Zeugnis von Vielfalt und Eigenart.
Auffällig sind dabei Ähnlichkeiten zu Berchtesgadener oder zu
Grödener Formen. Ein typisch böhmisches Motive, der Stelzenvogel,
wurde auch in Hallein (und Berchtesgaden) gefertigt. Klimperkästchen
Halleiner Produktion ähnelten denen des Erzgebirges. Eine Spezialiät
wurden fein ausgeführte Kutschen, vor 1900 Pferde-Tramways und schließlich
Automobile. Eine der letzten Hersteller, die Oedlsche Fabrik, stellte Ende
der 1920er Jahre die Produktion ein.
Exkurs: Die Wiener Werkstätte
In den ersten Jahrzehnten
des 20. Jh. wurden in Wien, besonders in der "Wiener Werkstätte" neue
(Holz)-Spielzeuge entwickelt. Die dortige Denk- und Arbeitsweise war verbunden
mit den Inhalten des Jugendstils, mehr noch aber mit kunsterzieherischen
Bestrebungen, so z.B. um alte Formen des Volksbrauchtums, vergessene Techniken
und Materialien für "neues" Spielzeug wieder zu entdecken. Gemeinsam
mit Schülern der Wiener Kunstgewerbeschule entstanden die Kinderphantasie
und kindliches Spiel anregende Baukästen, Aufstellspielzeuge oder
Puppentheater.
3
- Viechtau (Oberösterreich)
In der oberösterreichischen
Region des Viechtau mit den Orten Kufhaus, Traunkrichen, Altmünster
und Reindlmühl, gehen früheste Nachrichten über Drechsler
und Holzhandwerker auf die Mitte des 17. Jh. zurück. Vermutet wird,
daß durch Tauschhandel mit Berchtesgaden die Spielwarenherstellung
aufgekommen ist. Unter den generationenlang unter ärmlichsten Bedingungen
existierenden Herstellern wurden u.a. Spaltwarenarbeiter (Schaffel- und
Schachtelmacher), Drechsler und Dreher sowie Spielwarenschnitzer unterschieden.
1882 waren von 755 Personen in der Holzwarenfertigung allein 446 mit dem
Spielzeugmachen beschäftigt. Typische Erzeugnisse, den einfachen Berchtesgadener
Dingen ähnlich, waren Ratschen, Schiebe- und Radeltruhen für
Kinder, Pferde, Reiterlein Lämmer und Vögel, Docken und Figuren,
Wiegen, Trompeten, Pfeifen usw. Nach dem Ersten Weltkrieg orientierte man
sich zunehmend auf Souvenirtartikel - eine Qualitätsabfall beim sigenannten
"Edelweiß-Kitsch" soll deutlich gewesen sein. Zwischen 1938 und 1960
bestand eine "Genossenschaft" in Gmunden, deren traditionelle Erzeugnisse
besonders für Volkskunstinteressierte gedacht waren.
4
- Gröden (Südtirol)
Ausführliche Schildungen
der Spielwarenfabrikation existieren kaum vor 1800. Ein Ausgangspunkt dürfte
die im zirbenreichen Dolomitental gepflegte Bildschnitzerei gewesen sein.
Ein Anwachsen der Tierschnitzer und Spielwarenmacher war zwischen
1750 und 1780 von 50 auf 300 zu verzeichnen (oft noch Nebenberuf). Dekrete
zum Schutz der Zierbelkiefer, dem Hauptschnitzmaterial, bedrängte
die unkontrollierte Ausweitung des Gewerbes. Ein entwickeltes Hausiererwesen
vollzog den Warentausch, Einflüsse von Berchtesgaden oder Nürnberg
blieben wohl nicht aus (Mustertausch). Im 19. Jh. formierten sich viele
Haupterwerbler, die in der Form der Hausindustrie und in gewisser Weise
auf bestimmte Produkte spezialisiert, ein umfangreiches Sortiment füllten
(ca. 500 Spielzeugmuszer). Zumeist waren es jedoch roh belassene
Spielzeuge, sogenannte weiße Ware, die bis etwa 1820 mit der Kraxe
nach Oberammergau zum Bemalen getragen wurden. Ein Hauptartikel wurden
bewegliche Holzgelenkpüppchen - Dutch dolls - die durch Arbeitsteilung
zur billigsten Massenware geriet. Handelsgrößen je Bestellung
in mitunter 1000 Gross (144.000 Stück) zeigen die gewaltigen Produktionsmengen.
Ende des 19. Jh.sank das Interesse am einfachen Grödener Spielzeug.
Es kam zur Umstellung auf Andenkenware und religiöse Schnitzerein.
Das Ende einer speziellen Grödener Holzwarenfabrikation vollzog sich
nach dem 1. Weltkrieg.
5
- Berchtesgaden
In Berchtesgaden, südlich
Salzburgs gelegen, soll der Überlieferung nach schon 1130 das Schnitzen
beheimatet gewesen sein, im 14. Jh. offensichtlich als zweiter Erwerbszweig
neben dem Bergbau. Eine Handwerksordnung von 1535 belegt die Holzwarenfertigung.
Der Hausierhandel übernahm (aufgrund der Abgelegenheit) die ersten
umfangreichen Lieferungen, es folgte das Verlagswesen mit Niederlassungen
in den großen europäischen Handelszentren, u.a. Wien oder Venedig.
Ein Teil des Spielzeuges entstand als sogenannte Grobschnitzerei, Spezialitäten
brachten zugleich Drechsler und Schachtelmacher hervor. Im Jahr 1652
zählte die Fürstprobstei Berchtesgaden etwa 5000 Einwohner; als
Meister waren u.a. 22 Böttcher, 18 Löffelmacher, 18 Schaffelmacher,
28 Pfeiffenmacher, 34 Spielzeugschnitzer, 111 Schachtelmacher und122 Drechsler
eingetragen. Typisch seit dem 19. Jh. waren u.a. Bergparaden, "Hühnerwagrl",
Hoheitskutschen, das Pfeifenrößlein, bunt dekorierte Steckenpferde,
Fatschenpuppen sowie Hampel- und Zappelmänner. Die Vertreibung Berchtesgadener
Protestanten (1733) und neu entstandene Zollschranken erschwerten den Absatz,
so daß Berchtesgaden gegenüber Thüringen und dem Erzgebirge
an Bedeutung verlor. Bereits 1840 (1858) nahm eine Industrie- und Zeichenschule
zum Zwecke der Förderung und Bildung ihren Betrieb auf. Unterricht
im Zeichnen, Modellieren, Schnitzen und Drechseln sollte die Qualität
der Waren erhöhen, neue Muster der Schule ergänzten die Traditionsprodukte.
Ein genossenschaftlicher Zusammenschluß (seit 1945) betreute einzelne
Hersteller und den Verkauf. Warenkataloge Ende der 1950er Jahre vermerken
noch 43 Familien mit ca. 270 verschiedenen Artikeln (1981: 32 berufliche
bzw. auch nebenberufliche Personen). Der Rückgang dieser Handwerksarbeiten
vollzog sich leider bis heute, vieles versteht sich nur noch als Souvenirproduktion.
6
- Oberammergau
Zur Spielzeugherstellung kam
es als Neben- und Nachfolge der religiösen Schnitzerei. Wurzeln mögen
durchaus ins 16. Jh. zurückreichen. Wirtschaftlich bedeutsam
war die Spielware vom späten 18. Jh. bis um 1900. Bedeutsam war der
Umstand, daß Oberammergau hervorragende Kenntnisse in der farblichen
"Fassung" hölzerner Artikel besaß. Aus Gröden, aber auch
von anderswo her, kamen noch bis weit ins 19. Jh. hinein ungefaßte
Artikel zum Bemalen nach Oberammergau. Als repräsentativ für
das Sortiment werden immer wieder geschnitzte figürliche Szenen, Hampelmänner,
Fatschenpuppen mit beweglichen Armen oder andere bewegliche Spieldinge,
wie Schaukeln, Karussels aufgezählt. Ein ausgedehntes Hausiererwesen
hat mit der Kraxe den Vertrieb besorgt.
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- Thüringen/ Sonneberg
1200 Burg Sonneberg, 1349 Stadtrecht
für Ort; 1572 kommt südöstliches Vorland vom Thüringer
Wald zum Fürstentum Coburg, 1735 an die Herzöge von Sachsen-Meiningen
--> daher Meininger Oberland; Sonneberger Welthandel begann im 18. Jahrhundert
mit strategisch wichtigem Produkt: Feuerstein - für Steinschlossgewehre
und Feuerzeuge, daneben Schieferver- und bearbeitung, Wetzsteinherstellung
und Wetzsteinhandel
AUSGANGSPUNKT
Sonneberg war Knotenpunkt
zweier Fernhandelsstraße: Nürnberg-Erfurt, Nürnberg-Leipzig,
so dass seit dem 15. Jh. für das Sonneberger Gebiet der Fernhandel
von Bedeutung war
> Nürnberger Händler
vertrieben Sonneberger Holzwaren mit, neben Haushaltsgegenstände auch
Spielzeug - aber Sonneberger Händler "sprangen auf den Nürnberger
Zug auf", bereits 1780 waren in Sonneberger Händlerlisten die Produkte
aller europäischen Spielwarengebiete vertreten; früheste Hinweise
auf Sonneberger Spielzeugfertigung sind leider spärlich und ungenau
Bedingungen
für den Beginn:
-
für die Zeit um 1650 werden
früheste Produkte angenommen
-
Holzreichtum, notwendiger bäuerlicher
Nebenerwerb
-
Handel brachte Anregungen und
Absatz (Händler brachten Muster mit, lieferten u.a. Salzburger Volksspielzeug
Vorlagen)
-
nach dem 30jährigen Krieg
nahmen Sonneberger Händler den Vertrieb selbst in die Hand (Hausiererwesen,
später Verlagswesen)
-
Einsatz und Ausbau von Zusatz-
und Ersatzmaterialen und Entwicklung eines eigenen Duktuses über das
“Bossieren”, später Besonderheiten durch die Massedrückerei
BELEGE
in Beschreibung des Obergerichts Sonneberg 1735: es gäbe “Mahler”
die den Händlern allerlei hölzerne Kinderwaren anstreichen würden...selbst
z.T. handeln würden... Nähkästchen, Köfferchen, Degen,
Pistolen, Pfeifen, Geigen, Kegelspiele, Nußbeißer, Klappern,
Dockenpuppen, Kuckucke, Schnurren (Ratschen)... Transportlisten von Fuhrleuten
für die Zeit um 1752-1787 verweisen auf Vögel, Pferde auf
Brettern oder Rädern, Musikinstrumente, Tanzdocken, Windmühlen,
Frachtwagen...
in Sonneberg war seit 1789
im "Großen Handelsprivileg" die Trennung zwischen Handel und
Herstellung festgeschrieben (Privileg für etwa 30 namentlich genannte
Sonneberger Händler auch ein Schutz gegenüber auswärtigen
Händlern) - Ausbau des Verlagssystems mit hausindustrieller Struktur
und Abhängigkeit
Bossieren
und Puppenmachen
-
Ausgangsfrage: wie stelle ich
mit einfachen Materialien detailreiche Spielzeuge (Figuren) her, Schnitzen=
Detail herausarbeiten/ Bossieren=Detail aus Teig anarbeiten, d.h. an Holzkern
wird Masseteil angeklebt - Masse=Schwarzmehl + Leim (Leim-Wasser-Brotteig)
- der Nachteil: schnell verderblich, Wasser, Ungeziefer, Mikroben
-
Bossieren wurde seit dem 18.
Jh. eingesetzt, 1750 werden in Sonnberg bereits 9 Bossierer namentlich
genannt, die Puppen und Figuren zum Aufstellen vollplastisch modellieren;
bald auch hilfsweise in Schieferformen vorgeformt und vorgedrückt;
Bossierer haben sich 1781 durch eine Zunft geschützt - Konkurrenz
von "Jedermann" sollte ausgeschalten werden (Bossieren war "Kunst", Massedrücken
nur Handwerk)
-
Motive: starre Figurinen, Spielpuppen,
auch klingende, bewegliche, erzählende Motivgruppen
Teigdrückerei (Papiermaché-Varianten)
-
am 16. Juli 1805 erhielten die
Herrn Johann Friedrich und Nicol Müller die landesherrliche Konzession
für Papiermaché-Artikel
-
Rezept 1844: “...ungedrucktes
Papierer wird gekocht, abgetropft und fein zerstoßen, zu 2 kg Papiermasse
kommen 3 kg Kreide; beides mit Leimwasser verbunden (etwa ein halbes kg
(Knochen)leim, dazu 250 g Stärkemehl, etwa 65 g Tobackbeize oder Knoblauch
und Wermut...”
-
verschiedene Massen (ähnlich
Papiermaché) wuren in vielen Gewerben Europas verwendet: Herstellung
von Tellern, Vasen, Stuckteilen, Puppenwaren usw. -- siehe "Pappenzeuch"
von Christoph Weigel
-
eine thüringer Spezialität:
Kaolinsand (thüringer Porzellanerde) dazugemischt, gibt Festigkeit
und ist Grundlage für Stabilität und Lackfarbenverwendung
-
Drücken in Formen brachte
Vorteile - seriel Gleiches in großen Stückzahlen -- > war ein
Weg zur Industrialisierung, zur Fabrik- und Heimarbeit - geringes Gewicht,
kein Holz (steigende Holzpreise) - relativ unzerbrechlich und länger
haltbar - Arbeitsteilung durch Spezialisten (Modellmacher, Formenmacher,
Drücker, Abputzer, Maler, Verpacker)
-
Bossiererhandwerk rückläufig,
geht nach 1860 in Massedrückerei auf
ab 1.1.1863 erfolgte
im Herzogtum Sachsen-Meiningen die Einführung der Gewerbefreiheit
(Zunftschranken waren jedoch längst durchbrochen) Was bedeutete das?
Jeder konnte nun produzieren, auch die Händler; denen waren bisherige
Einschränkungen eher zum Nachteil geworden
Holzprodukte waren im Sonneberger
Raum im 19. Jh. vorerst noch bedeutsam, vor allem Kleinwaren, zweitwichtig
die Kombination Holz-Masse, Unterhaltungswaren wie Nickfiguren, Schmuckartikel
(Weihnachtswaren), Füllartikel, Scherzartikel, Masken usw. - den Umfang
zeigt eine Spezialisierungliste nach Ernst Rausch (1901) - hier ein Ausschnitt
!
-
Papierartikel hauptsächlich
in den Städten Sonneberg, Neustadt und Schalkau und im Dorf Judenbach,
die Papiermachédrücker wohnten im weiten Umfeld
-
Schnitzer und Drechsler finden
sich zumeist im Südwestabhang, z.B. Forschengereuth, Mengersgereuth;
man fertigt vor allem Puppengelenke, Ratschen, Schnarren,Ttrompeten, Pferde,
Wagen, andere Holztiere; Eisfeld mit Fabriken für Holzpferde, anderswo
(Hämmern) werden Holzschiffe gefertigt, in Schalkau und Ehners entstehen
Holzgewehre
-
Holzkästchen-Herstellung
in den weiter oben liegenden Dörfern (Spanschachtelmacherei zurückgegangen
wegen Holzverteuerung, nun mehr die Kartonagenproduktion)
-
Puppenfabrikation (hauptsächlich
städtische Arbeiterschaft) in Sonneberg und Neustadt, umliegend Roharbeiten
(Balgmacher, Formenmacher usw.)
-
Maskenmacher in Jagdshof, Heinersdorf,
Rothenkirchen (Bayern) und vor allem Schalkau
-
Pelztiere liefert Sonneberg,
Judenbach oder Heinersdorf
-
Geflügel aus Schalkau,
Sonneberg
-
Attrappen und Osterartikel zumeist
aus Neustadt
-
Stimmenmacher für Tiere,
Puppen wohnen in Forschengereuth, Mengersgereuth, Hämmern, Oberlind,
auch in Sonneberg
Exkurs: die thüringer
Puppenproduktion
> Holzdocke --> bossierte
Docke --> Papiermachéteile (z.B. Kopf) - 1850 auch “Täuflinge”
(Puppenbabys) - später wieder auch mehr “Staatsdamen” in Wachs (kaum
Kinderspielzeug)
> bedeutsamer, früher
Hersteller war Johann Friedrich Müller (1783-1855), 200 bis 300 Arbeiter
in seiner Fabrik, jährlich soll um 1825 Müller allein etwa 200
Zentner Papiermachéwaren geliefert haben, darunter wohl auch Puppen?!
> Konzession für Papiermaché
erhielten u.A. Andreas Voit in Hildburghausen (1806), Johann Daniel Kestner
jun. in Waltershausen (1822), das waren Ausgangspunkte für Puppenwaren-Traditionen
> Puppenvielfalt: hölzerne
Glieder, gestopfte Körper, Lederbälge, Papiermachéköpfe,
nach 1870 bewegliche Glieder, Holzgelenke, Porzellanköpfe und Teile
> viele Fabrikgründungen
und Patente nach 1850: Waltershäuser Kugelgelenkpuppe um 1880, Grammphonpuppe
1890, bewegliche Schwimmkinder oder 1906 eine Erfindung von Otto Gans:
das Schelmenauge
> Bedarf an Porzellanköpfen
führte in der nähreren Umgebung von Sonneberg bis 1907 zu 6 Prozellanfabriken
> innovativ war der Papiermaché-Guß
(1895) vom Neustadtädter Modelleur Heidler, ähnlich Porzellanguß,
noch schneller, detaillierter als gedrückte Erzeugnisse ----> Zelluloid
ab 1895 (bei Schildkröt-Puppen aus Mannheim-Neckarau) -- in der Folge
entwickelte die Firma Bruno Schmidt in Waltershausen ab 1913 eine eigene
Zelluloidfertigung, zugleich waren Billigpuppen auch aus angefeuchtet geprägter
Pappe
Sonneberg als geistiges
Zentrum: Industrie-Schule (1883) + Deutsches Spielzeugmuseum Sonneberg
(1901 als Industrie- und Gewerbemuseum gegr.) 1912 bereits mit über
3.000 Exponaten
8
- Odenwald
Typisch scheinen lediglich die
z.B. in Niedernhausen, später auch im Gersprenztal und in den Dörfern
um das Schloß Lichtenberg gefertigten Spielzeug-Pferde zu sein. Der
Begriff "Odenwälder Gailchen" (Gäulchen) machte diese bestimmte
Art der Pferdegestaltung bekannt, ganz gleich ob es ein Ziehpferd auf Rollen
oder ein Schaukelpferd ist. Merkmale sind ein walzenförmiger, gedrechselter
Körper, hineingesteckte, nicht mit Masse anmodellierte, brettchenartige
Beine und eine dekorative Bemalung in der "Musterung" eines "Apfelschimmels".
Im 20. Jh. erfolgte diese "Bemalung" in der Art der Schablonenspritzerei.
Eine technologische Besonderheit ist die Fertigung der Beinchen, die aus
einem gedrechselten Rundholz gespalten werden. (siehe auch Beck, Rosemarie.:
Conrad Sutter...Spielzeuggestalter... Odenwald)
9
- Rhön
Obwohl die Rhön seit dem
16. Jh. ein sehr dichtes "Holz-Schnitzgebiet" war - Hausgeräte, Holzmodel,
Lebkuchenformen, Peifenköpfe, Figürliches - nahm die gewerbliche
Spielwarenfertigung nur einen geringen Platz ein. Versuche gab es, so nach
1850 unter Anleitung der Schnitzschule Bischofsheim mit einfachen Spielzeugtieren.
Um 1900 wurde auf Drängen und mit Unterstützung des Spielwarenverlegers
Meinel
aus Kissingen die Produktion von Spielzeugtieren aufgenommen - unter Meinels
Verlagsarbeit besonders in der Ortschaft Sandberg bis 1912. Die Qualität
war außerordentlich hoch, besonders bei den naturbelassenen Pferdegespannen
(mit Korbarbeiten/ mit Rohrarbeiten verbunden) und den exotischen Tiersortimenten.
1920 versuchte Schnitzmeister Gustav Möller fahrbare Spielzeugtiere
abzusetzen. Unter dem Einfluß Tiroler Schnitzereien soll es im Gebiet
von Empfertshausen Versuche gegeben haben, mit dem Schnitzeisen "gestochene"
Spielzeugtiere anzufertigen. Zu den älteren Rhöner Schnitzereien
zählen auch Wackelfigürchen, bei denen der Kopf und oft der Unterkiefer
beweglich ausgeführt waren. Der Spielwert (für Kinder) darf allerdings
bezweifelt werden.
10
- Schweiz
"Vor dem Ersten Weltkrieg 1914-1918
wurde fabrik- oder manufakturmässig hergestelltes Spielzeug fast
nur importiert, vor allem aus Deutschland und dem damals österreichischen
Südtirol. In der Schweiz selbst wurden Spielsachen von talentierten
Eltern, auf Bestellung vom lokalen Schreiner oder von der Störschneiderin
aus Stoffresten von Mutters Sonntagskleid einzeln hergestellt. Ausnahmen
waren lediglich die in Aarau im 19. Jahrhundert blühende Fabrikation
von Zinnfiguren oder allfällige Nebenprodukte: Kinderbücher und
Spiele bei Verlegern und in Druckanstalten; Puppenwagen in Kinderwagenfabriken;
Spieltiere und Puppengeschirr in Keramik- und Porzellanwerkstätten.
Eine eigene Schweizer Ausprägung entwickelte sich aber noch nicht:
Die Spielsachen sind oftmals kaum von ausländischen Vorbildern zu
unterscheiden.
Das Aufkommen einer serienmässigen
Schweizer Spielzeugfabrikation fällt in die Zeit des Ersten Weltkrieges.
Erst als aus Kriegsgründen die Importe und Exporte erschwert waren,
entstand eine breitere einheimische Spielwarenindustrie: Man hoffte, damit
Arbeitsplätze zu schaffen, die andernorts - etwa im Tourismus der
Berggebiete - verloren gingen. Diese Entwicklung wurde tatkräftig
unterstützt vom Schweizer Werkbund und vom Spielwarendetailhandel.
Der 1913 gegründete
Schweizersche
Werkbund (SWB) strebte - in Anlehnung an ähnliche Reformbewegungen
in anderen Ländern - die «Veredelung der gewerblichen und industriellen
Arbeit» durch das Zusammenwirken von Künstlern, Handwerkern
und Industriellen an, unter anderem durch die Veranstaltung von Wettbewerben
und Ausstellungen zur Förderung guter, materialgerechter und
regional hergestellter Produkte.
Einer der ersten Wettbewerbe
wurde 1915 «zur Erlangung moderner schweizerischer Spielwaren»
ausgeschrieben. Als grosser Erfolg konnte verbucht werden, dass eine beachtliche
Zahl der Entwürfe in der Folge auch produziert wurde. Die 1916 in
sieben Städten veranstaltete Wanderausstellung der Wettbewerbsarbeiten
und weiterer Spielwaren stiess auch beim Publikum auf grosses Interesse
(90'000 Besucher). Der Werkbund hat damit wesentlich dazu beigetragen,
dass die schweizerische Spielwarenfabrikation von Anfang an auf die einzigen
für einen dauerhaften Erfolg notwendigen Faktoren, nämlich gute
Qualität und gute Form, setzte. Von vielen Wettbewerbseingaben, die
Preise oder Anerkennungsdiplome erhielten, ist leider nicht bekannt, ob
sie Produktionsreife erlangten; mangels Abbildungen oder Markierungen lassen
sich diese Spielzeuge kaum identifizieren.
Der Spielwarenhandel hatte
grosses Interesse, die ausbleibenden Importe durch einheimische Ware zu
ersetzen. Ein herausragendes Beispiel ist die unter dem Wahlspruch «Gut
und schön» von der Firma Franz Carl Weber (FCW) lancierte Aktion
für Schweizer Spielzeug. Dieses wurde ab 1915 erstmals zusammengefasst
und in seiner Eigenart vorgestellt. 1916 wurden ein spezieller Katalogteil
«Schweizerische Erzeugnisse» geschaffen und eine entsprechende
Ausstellung im Geschäft an der Zürcher Bahnhofstrasse eingerichtet.
Als Folge dieser Initiativen fanden sich zum ersten Mal die Angehörigen
der Schweizer Spielwarenbranche zusammen. So entstand der VSSF, Verband
schweizerischer Spielwarenfabrikanten. 1916 kam es ausserdem in Zürich
zur Durchführung einer gemeinsamen Exportkampagne mit Broschüre
und Exportausstellung des «Schweizerischen Nachweisbüros für
Bezug und Absatz von Waren», eines Vorläufers der noch bestehenden
Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung (OSEC).
Die im Ersten Weltkrieg
und kurz danach entstandenen Spielzeugfirmen fanden ab 1920 ein wiederum
schwierigeres Umfeld vor: Die preisgünstig produzierenden Konkurrenten
aus Deutschland und nunmehr auch aus Frankreich und Grossbritannien drängten
in die kriegsschädenfreie Schweiz. Nur einheimische Hersteller, die
gute Holzspielwaren, Bücher und Spiele oder originelle Erfindungen
(SABA-Figuren von August Bucherer) anbieten konnten, hatten eine
Überlebenschance. Die Kundschaft war jedenfalls nun für gute
einheimische Produkte sensibilisiert. Dies wurde nach 1930 durch Verwendung
des auch in der Spielwarenindustrie beliebten Armbrustzeichens für
Schweizerware unterstützt. Die Schweizer Herkunft war zum Qualitätszeichen
und Verkaufsargument geworden.
Das Versiegen der Importe
brachte der Schweizer Spielzeugindustrie im Zweiten Weltkrieg 1939-1945
und in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen neuen Aufschwung: Deren Produkte
blieben konkurrenzlos, und die Herstellung wurde vom Detailhandel wieder
stark gefördert. So beschäftigte die grösste Schweizer Spielzeugfabrik
August Bucherer & Co. AG in Diepoldsau/SG während des Krieges
über 100, 1947 sogar etwa 210 Mitarbeitende. 1950 setzten wiederum
die Einfuhren aus dem günstiger produzierenden Ausland ein.
Heute erfordert die Herstellung billiger Spielsachen grosse Serien, für
die der Schweizer Absatzmarkt zu klein ist; die teure Vermarktung und Weiterentwicklung
erfolgt nun zumeist durch finanzkräftige, international tätige
Grossfirmen im Ausland.
Aufgrund des sinkenden Spielalters
spielen Kinder heutzutage mit dem in der Schweizer Produktion dominierenden
Holzspielzeug immer weniger lang. Trotz dem starken Rückgang von Produktion
und Produzentenzahl existiert aber in der Schweiz auch heutzutage eine
erfolgreiche Spielzeugfabrikation: Qualitativ gute, innovative und präzis
hergestellte Spielwaren, für die angemessene Preise im In- und Ausland
erzielt werden können, behaupten sich. Für einfachere Spielzeuge
oder Spielzeugteile hat die Herstellung in geschützten Werkstätten
eine grössere Bedeutung gewonnen. Dagegen ist die früher weit
verbreitete Heimarbeit der Frauen (Nähen von Puppenkleidern oder Malarbeiten)
zurückgegangen." (Zitiert nach der QUELLE: Katalog „Spielsachen
aus dem Berner Oberland 1900 bis heute“, Autoren Laura und Hans-Heinrich
Knüsli, Schloss Hünegg Hilterfingen 2006, Seite 3-4)
Literatur
> Bachmann, M. und K. E.
Fritzsch: Deutsches Spielzeug. Leipzig 1965
> Thüringen. Spielzeug
aus Sonneberg. Ausstellungskatalog des Altonaer Museums in Hamburg. Hamburg
1997
> Rausch, Ernst: Die Sonneberger
Spielwarenindustrie und die verwandten Industrien der Griffel- und
Glasfabrikation unter besonderer
Berücksichtigung der Verhältnisse in der Hausindustrie. Sonneberg
1901
> Wenzel, G.: Die Geschichte
der Nürnberger Spielzeugindustrie. Inaugural-Dissertation. Erlangen-Nürnberg
1967
> Latus, U.: Kunststücke.
Holzspielzeugdesign vor 1914. Nürnberg 1998
> Spielzeug, Spiel und Spielereien.
Ausstellungskatalog (Schallaburg). Herausgegeben vom Niederösterreichischen
Landesmuseum. Wien 1987
> Geschnitzt - gedrechselt
- gedrückt. Spielzeug und Handwerkskunst aus Thüringen und dem
Erzgebirge.
Ausstellungskatalog (Schloß
Bruchsal). Herausgegeben vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Bruchsal
1991
> Stäblein, R.: Altes
Holzspielzeug aus Gröden. Bozen 1980
> Zull, Gertraud: Ein Museum
entsteht. Das Verleger Lang´sche kunst- und kulturgeschichtliche
Oberammergauer Museum und die Entdeckung der Volkskunst um 1900. München
1998
> „Spielsachen aus dem Berner
Oberland 1900 bis heute“, Schloss Hünegg Hilterfingen 2006 (Texte
von Laura und Hans-Heinrich Knüsli) |