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GESCHICHTE DES (HOLZ)SPIELZEUGS MITTELEUROPA

Das erzgebirgische Spielzeuggebiet (Sachsen und Böhmen)
  

    Das Sächsisch-böhmische Spielzeuggebiet

    Spielwarenfabriken und Drechslerwerkstätten sind heute im gesamten Erzgebirge und darüber hinaus zu finden. Die Anfänge der Spielwarenfertigung im Erzgebirge sind auf etwa 1750 zu datieren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits scharten sich die mehr als 20 Spielzeugmachersiedlungen um die Verlegerorte der erzgebirgischen Spielwarenherstellung Grünhainichen, Seiffen, Olbernhau, Hora Svatě Kateřiny/ Katharinaberg sowie Litvinov/ Oberleutensdorf. Grundsätzliche Informationen gibt es im zweisprachigen Informations-WEB-PortalDas Sächsisch-böhmische Spielzeuggebiet im mittleren Erzgebirge - Sasko-česká hračkářská oblastna území středního Krušnohoří

    Eine Besonderheit und Einmaligkeit der erzgebirgischen Spielzeugfertigung ist das Reifen- oder Spaltringdrehen, um 1800 entstanden und für die Fertigung bis heute bedeutsam. Weitreichende Informationen bei www.reifentier.de

Ausgangspunkte einer Betrachtung
  

    Unterschieden werden sollte :
    A Spielzeug aus unikater oder serieller Fertigung, welches an einen zukünftigen Nutzer (Kind/ Erwachsener) verkauft wird und damit dem “Broterwerb” des Herstellers dient

    B von Kindern für das Spiel erwählte Natur- und Gebrauchsgegenstände, welche ursprünglich nicht explizit für das Kinderspiel existierten oder hergestellt wurden   -  von Eltern individuell für das eigene Kind geschaffene Spielzeuge oder Spielwelten  -  Wort- und Rollenspiele sowie andere Spielformen, die keine Spiel-Gegenstände als zwingende Voraussetzung benötigen 

    FAZIT:  bis ins 20. Jh. hinein war das Spielzeug der Kategorie B das in der Mehrzahl für das alltägliche Kinderspiel genutzte Material, in manchen ländlichen Familien ausschließlich das einzige!
    WIR BETRACHTEN hier jedoch das in Mitteleuropa produzierte Holzspielzeug


    AUSGANGSPUNKTE für die Entstehung einer Spielwaren-Herstellung im Sinne der unikaten bzw. seriellen Produktion waren u.a. 

    • Lehr- und Erprobungsmodelle für Kinder adliger oder bürgerlicher Kreise (zumeist in unikater, kunsthandwerklicher, künstlerischer Form)
    • Miniaturen als modellhafte Darstellungen bzw. als kunsthandwerkliche Einzelstücke mit Repräsentationsfunktion
    • Belegstücke der Zünfte für die eigene Leistungsfähigkeit (Spielwert mitunter gering)
    • ökonomisch dringend notwendige Ergänzungs- bzw. Ersatzproduktionen in ländlichen Regionen (mitunter auch im städtischen Bereich) - dabei waren Holz, Textilien aber auch Leder oder Glas die verbreitesten Materialien für die sich ab dem 17. Jahrhundert in Mitteleuropa herausbildende serielle, hausindustrielle Spielzeugmacherei
    • holzverarbeitende Zentren entstanden besonders in Mittelgebirgen und im Alpenraum, wo ursprünglicher Holzreichtum bzw. ländliche Verbundenheit mit dem Werkstoff Holz eine Spielwarenproduktion begünstigten, zumeist mit Berührungspunkten zur bodenständigen Volkskunst

Nürnberg und der Nürnberger Raum
  

    ein Ausgangspunkt war der Große Freiheitsbrief (1219) von Kaiser Friedrich II., welcher Nürnberger Kaufgeschäften Zollfreiheiten garantierte und damit bis nach 1600 Vorteile für die Handelsentwicklung schuf

    Voraussetzungen

    • eine günstige verkehrsgeografische Lage am Kreuzungspunkt wichtiger Handelslinien, ein Fernstraßennetz verband Nürnberg mit vielen Teilen Europas, damit durchliefen die Stadt verschiedenste Einflüsse,  Spielzeug muss vor 1700 nur Beifracht zu anderen Handelsladungen betrachtet werden
    • eine handwerkliche Basis innerhalb der Stadt, hochspezialisiert und frühzeitig auch auf Produkte für Kinder orientiert, wenn auch für begüterter Kreise der Stadt - frühe Tonpüppchen (Bodenfunde aus dem 15. Jh. in der Stadt Nürnberg) werden als ritualisierte Schenk- und Spielfiguren eingeschätzt

    FAZIT: Nürnberg geriet nördlich der Alpen auf Grund seiner topografischen Lage und einer handwerklichen Stadtkultur zu einem merkantilen und auch gestalterisch-didaktischen Sammelpunkt von Spiel- und Spielzeugentwicklungen und fungierte seit dem Mittelalter als Umschlagplatz von Produkt und Idee

    “Dockenwerk” (Überbegriff) um 1600 bereits als geläufige Bezeichnung für Kinderware/ Spielzeug:  
    “Dockenmacher - der Spielzeugmacher im weitesten Sinne  
    im Ständebuch von Christoff Weigel (1698) wurden “Dockenmacher” dem verwendeten Material nach untergliedert - Trachant, Pappenzeug (Papiermaché), Alabaster, Wachs(bossierer) oder Holz

    Weigel (Ende des 17. Jh) über die Spielzeug-Drechsler (zitiert bei BACHMANN/FRITZSCH 1965, Seite 16 f.): ... viele artige Docken und Puppenwerke zu schnitzen und zu drehen/ allerlei Kling- und Klapperwerk (Soldatenkästchen) zu verfertigen/ und denen Bildern/ ja offt vielen zugleich fast natürliche Beugungen beyzubringen, daß auch wohl Erwachsene und Alte selbige nicht ohne Belustigung anschauen - die gefertigten Figuren besaßen bewegliche Glieder, die durch einen gewissen Zug, Druck oder Verdrehung sich regen.

    1719 beschreibt Johann Friedrich Filzhofer die Nürnberger Handwerkerschaft und führt sehr differenziert die Spielzeugmacher auf: Der Dockenmacher sein mancherley, theils machen, so man hädern (ledern ! K.A.) nennt, so der Corpus mit Flachswerck, Scheerwollen oder dergleichen ausgefüllt worden, hernach auf mancherley Art schlecht und schön, nach Gelegenheit gekleidet, welchs meistens eine Weiberarbeit ist. Hernach werden Docken von Holz geschnitten, Reiter zu Fuß, weib und Mann, allerhand Thier und Vogel, theils Pferdt und thier gemahlt, theils mit unzeitigen Kalb und anderen Thierfellen überzogen. Mehr gibt es solche mit Pappier und anderer Materi, allerhand Pferdt, Docken, Hund und anders auf mancherley Muster machen, der heißt mit Namen die Pappierne Dockenmacher. (WENZEL 1967, Seite 10)

    Gliederung nach Materialien und Sachgruppen 

    • Holz: Schreiner- und Weißmacher: Puppenhäuser, Puppenküchen, Steckenpferde, Klappern, Windräder, Puppenmöbel, Guckkästen (zumeist unbemalt - also “weiß”)
    • Wismutmaler: bemalen zunächst im wesentlich Dinge vom Schreiner, später eigene Gesamtherstellung (Lackmalerei auf einem Grund aus Kreide und Wismut)
    • Messinggießer: Brummeisen, Maultrommeln, Blechklappern, Schellen
    • verschiedenes Metall: Flaschner (Klempner): Puppenküchen, Öfen, Häuschen, Zubehör - erste handwerklich gefertigte Metallspielwaren
    • “Nürnberger Tand” - Waren- und Handelsbegriff, welcher zuerst metallene Kleinigkeiten, Kunstschlosserarbeiten meinte, ein Ausgangspunkt Nürnberger- Tandes war wohl ein Rechenpfennig aus Messing/ Kupfer für Würfelspiele oder auch zum Unterrichten - typisch für den Nürnberger Tand steht das sogenannte Zankeisen (Geschicklichkeitsspiel)
    • Ton, stein, Keramik: Perlein-macher Tonmurmeln, Glasmurmeln
    • Zinngießer: Puppengeschirr, religöses Spielzeug, Figürliches
    • Papiermaché-Hersteller - bereits bei Christoff Weigel 1698 im Ständebuch ein Hinweis: “Pappenzeuch - später dann Entwicklungen zu Papiermaché-Puppenköpfen, zur Larvenherstellung/ Maskenherstellung, Papiermaché-Puppen und Wickelkinder, Osterlämmer
    • Tragant- und Zuckerfiguren (Bocksdornablagerung (Tragant), Stärkemehl + Wasser): Figuren, Häuser ganze figürliche, bzw. dekorative Szenen
    • Alabaster (Gips) -hersteller: um 1700 wohl sehr verbreitet - Reliefs und Figuren
    • optische Spielzeuge im 18. Jh.: Guckkasten (räumlich aufgeteiltes Tiefenbild aus Einzelstücken), camera obscura (Bild auf Glasplatte hinterleuchtet, bunte Fenster, leuchtender Mond usw), laterna magica (Projektion durchscheinender Bilder mit Spiegel und Linse)
    • Spielzeug aus Papier/Pappe, in Buchform bedruckt, berühmt das orbis sensualium pictus von Johann Amos Comenius, erschienen 1658 im Endter-Verlag, es folgten Nürnberger ABC-Bücher, Jugendkalender, Jugendalmanache bis hin zu Zeitvertreib für junge Leute 1793 von Peter Voit (ein belehrendes Jugendbuch), Bilderbögen mit historischen, gesellschaftlichen Inhalten, Papiertheater, Ausschneide- und Ankleidepuppen
    • Würfel-, Karten bzw. Spielemacher; mit Erfindung des Holzdruckes kam es zum Aufschwung in der Kartenproduktion, Anfang des 15. Jh. ist Nürnberg eine führende Stätte der Spielkartenherstellung in Deutschland, daraus entwickelte sich u.a. die Spiele-Herstellung

    Nürnberg und die Salzburger Exulanten

    > 1735 kam es zum Zuzug von Exulanten aus dem Salzburger Land nach Nürnberg und Umgebung,  14 Emigrantenfamilien sind allein in Altdorf (bei Nürnberg) ansässig geworden, andere in der Vorstadt Wöhrd, die Salzburger waren wegen ihres protestantischem Glaubens aus dem Salzburger Gebiet vertrieben worden, kamen vor allem aus Berchtesgaden (Schnitzer, Drechsler und Schachtelmacher) 
    > deren Erzeugnisse (u.a. mit bunter Leimfarbenmalerei) waren den Nürnberger Kaufleuten bereits bekannt, die “Salzburger” bedrängten durchaus die einfachen Spielwarenfertiger Nürnbergs, doch litten sie wie alle unter der allgemeinen Entwicklung (Preisdruck, Holzknappheit usw.)  - die “Altdorfer Leier” (Klingkästchen bzw. Klimperkästchen) gehörte zum typischen Prouktionsprofil  - um 1796 wurden in Altdorf noch 8 Schnitzer, 6 Drechsler und 2 Schachtelmacher gezählt - die Anzahl der Hersteller ging in nach 1800 zurück

    Nürnbergs Spielzeugproduktion lief lange Zeit zweigleisig :

    • billiges Mengenspielzeug von verschiedenen, nicht zunftorganisierten Anbietern 
    • Exklusivware in der Einzelfertigung für Patrizier und Fürstenhöfe (Kunstschlosserei, mechanisierte Schaustücke, Exklusiv-Puppenhäuser im Maßstab, hier verwischten Grenzen zur Kunst)

    Handelsmetropole Nürnberg

    • Nürnberger Spielzeughändler bezogen im 17. bis zum  19. Jh. Spiel-Waren aus verschiedenen  Erzeugergebieten in ihr Sortiment ein, zumeist waren es hölzerne Dinge aus hausindustrieller Fertigung, so wurde Nürnberg seit dem  18. Jh. gleichsam eine (die) Sammelstelle von Ideen, Produkten und Neuerungen 
    • Konkurrenzkampf und die Monopolstellung der Nürnberger (und anderer) Händler gestaltete sich zumeist über die Breite des Angebotes und das Preis-Leistungsverhältnis (Wohlfeilheit), nach dem Motto: dort wird produziert, wo es am billigsten hergestellt werden kann
    • weitläufiger Handel ließ die ursprünglichen Eigenarten der Regionen vermischen und mitunter verschwinden, Nürnberger Händler ließen mit ihrem Handeln möglichweise die Herstellerkonkurrenz in anderen Gegenden erstarken, um hier billiger einkaufen zu können

    Hieronimus Georg Bestelmeier (Nürnberg) Magazin von verschiedenen Kunst- und anderen nützlichen Sachen... 1803 (Neudruck Zürich 1979, herausgegeben von Theo Gantner); erster umfangreicher, bebilderter Warenkatalog, bei dem Spielzeug im Mittelpunkt stand, wohl mit bestem Überblick über Spieldinge um 1800, differenziertes Angebot an Massenproduktion und kostbaren Einzelprodukten, zugehörige Produktbeschreibungen geben Zugang zu Preisen, Details und den Verwendungszweck 

    > ein Rückgang der Holzspielzeug-Herstellung in Nürnberg war mit dem beginnenden 19. Jh. zu verzeichnen, die erstarkenden Spielwaren-Verleger in Thüringen (Sonneberg) und im Erzgebirge übernahmen um 1850 mehr und mehr die Vorherrschaft im Bereich des Holzspielzeuges 

    Exkurs: Nürnberger Zinn-Figurenspielzeug
    > bereits im Mittelalter wurde Figürliches aus Zinn hergestellt -  als Andenken oder für Kinder miniaturisierte religiöse Gebrauchsgegenstände; Devotionalien, Figuren für Wallfahrtsorte, Andenken- und Anbetungsfiguren, daneben umfängliche Zinn-Spielzeugherstellung (zumeist Ausstattungen für Puppenküchen und Puppenhäusern),  Figuren mit Standplatte ab 1750 verbreiteter, auch sortimentiert und nicht nur als Einzelstück: bedeutend war die Werkstatt Johann Gottfried Hilpert in Nürnberg (1732-1801): Flachfiguren (nach Definition nicht dicker als 1 mm) mit Tierdarstellungen, Schachspiele, Soldaten; ab 1805 standen mehr Soldaten im Vordergrund, Einzel-Figuren z.T. signiert und datiert (Mischung 2 Teile Zinn und 1 Teil Blei)
    > besonders Spielzeughändler Stahl (um 1800) war auf Zinnfiguren spezialisiert: Verzeichnis über verschiedene fein und ordinaire gemahlte Zinn-Figuren und andere dergleichen Kunst-Waaren, welches in des Johann Ludwig Stahl, Hilperts seel. Erben Kunstwaaren-Verlag in Nürnberg, um beygesetzte Preise gegen baare Bezahlung zu haben sind (Militaire, Jägereyen, Ländliche Vorstellungen, Wägen, Hausgeräthe, Portaits en Medaillon) - Größen: 50 bis 76 mm hoch oder für Einelstücke bis 150 mm
    > für das 19. Jh. wichtig die Werkstatt Ernst Heinrichsen (1809-1888) - Massenproduktion, thematisch differenziert und auch qualitätvoll; 1839 wurde die Zinn-Compositions-Figuren-Fabrik gegründet - Heinrichsens Figurenhöhe von 28 bis 30 mm setzte sich durch = Nürnberger Maß - begünstigte die serielle und erweiterbare Sortimentierung (siehe auch das hölzerne Miniaturspielzeug des Erzgebirges nach 1900)
    > Fürth begann aufzusteigen, als sich Nürnberger Hersteller hier niederließen, zum Teil aus Nürnberg ausgewiesen, Fürth etablierte sich im 19. Jh. zu einer Konkurrenz für Nürnberg (in Fürth herrschte großzügigere Gewerbefreiheit) in Fürth günstigeres Kostenbild (Lohn, Steuern u.ä.); bedeutendster Zinnfigurenhersteller Anfang des 19. Jh. war Johann Christian Allgeyer, übernahm das Hinrichsen-Maß und entwickelte eine hohe Qualität,

    Exkurs: technische Spielwaren des Nürnberger Raumes
    > bereits das Musterbuch von Bestelmeier hat um 1803 einen ersten Überblick über handwerklich gefertigtes Blechspielzeug gegeben: Pumpbrunnen, Schwan mit Magnetstab, englische Kutsche, aufgezogen selbstfahrend, durch Uhrwerk laufendes Eichhörnchen usw. - Mechano-optisches und elektrisches, magnetisches Spielzeug, neben der Unterhaltung waren die Dinge auch zum Experiment und zur Belehrung gedacht
    > 1861 wurde die Nürnberger Firma J.M.Ißmayer für magnetische Spiele ausgezeichnet: ..die mechanischen Schwimmfiguren sind hohl und wasserdicht, aus dünnem Messingblech gefertigt und durch ein eingesetztes, magnetisch gemachtes Eisenstäbchen mit der Eigenschaft ausgestattet, dem Magnet zu folgen (an der Schnur oder Angel) 
    > 1851 waren unter den 195 Nürnberger Spielwarenherstellern lediglich zwei  Blechspielwarenhersteller zuzüglich 17 Fabrikanten von artistischem und mechanischem Spielzeug - damit 19 Blech-Firmen zu finden; 
    > um 1900 Expansion und Konzentration zugunsten der großen (Industrie) Betriebe (Bing, Carette, Fleischmann, Abbildung Schoenner),  für Nürnberg kam es zwischen 1907 und 1925 zu einer Verdopplung der beschäftigten Personen, aber zu keiner Vermehrung der Betriebszahlen
    > die meisten größeren Betriebe schlossen sich 1912 der Vereinigung der Spiel- und Metallwarenfabrikanten und verwandten Geschäftszweige von Nürnberg-Fürth und Umebung e.V. an, um gemeinsame Produktion und Preisgestaltung zu bewirken

Hallein (Salzburger Land)
  

    Hallein, eine durch den geografischen Standort und reiche Salzvorkommen emporgekommene Gemeinde und wichtiger Industriestandort des einstigen Erztstiftes Salzburg, entwickelte Ende des 17. Jh. ein aufstrebendes Zweitgewerbe, die Verarbeitung von Baumwolle - vorrangig im Verlegersystem. Um 1750 mußte durch Zoll- und Absatzprobleme ein Beschäftigungsprogramm neue Erwerbsquellen erschließen. So entstand in Hallein die Holzwarenfabrikation; ein bedeutsamer Produzent wurde nach 1800 die Kaiserlich königlich privilegierte Holzwaren-Fabrik Companie in Hallein . Das Sortiment, mit dem auch gehandelt wurde, war breit gefächert: Spanschachteln, mit Stroh eingelegte Artikel, Musikinstrumente und unrer dem Spielzeug verchiedene Klappern, Kinderküchengeschiurr,  Tierfiguren, Blasbalgvögel, Ratschen, Trompeten, klingende Wagen mit Pferden, Tanzdocken, Scheberdocken, bemalte Fatschenkindl, Hühnersteigen, Grillhäusl, Steckenpferde, Soldaten, Kegelspiele, Schach, Dame, Pfeifen usw. Musterblätter um 1830 geben Zeugnis von Vielfalt und Eigenart. Auffällig sind dabei Ähnlichkeiten zu Berchtesgadener oder zu Grödener Formen. Ein typisch böhmisches Motive, der Stelzenvogel, wurde auch in Hallein (und Berchtesgaden) gefertigt. Klimperkästchen Halleiner Produktion ähnelten denen des Erzgebirges. Eine Spezialiät wurden fein ausgeführte Kutschen, vor 1900 Pferde-Tramways und schließlich Automobile. Eine der letzten Hersteller, die Oedlsche Fabrik, stellte Ende der 1920er Jahre die Produktion ein.

    Exkurs: Die Wiener Werkstätte
    In den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. wurden in Wien, besonders in der Wiener Werkstätte neue (Holz)-Spielzeuge entwickelt. Die dortige Denk- und Arbeitsweise war verbunden mit den Inhalten des Jugendstils, mehr noch aber mit kunsterzieherischen Bestrebungen, so z.B. um alte Formen des Volksbrauchtums, vergessene Techniken und Materialien für neues Spielzeug wieder zu entdecken. Gemeinsam mit Schülern der Wiener Kunstgewerbeschule entstanden die Kinderphantasie und kindliches Spiel anregende Baukästen, Aufstellspielzeuge oder Puppentheater.

Viechtau (Oberösterreich)
  

    In der oberösterreichischen Region des Viechtau mit den Orten Kufhaus, Traunkrichen, Altmünster und Reindlmühl, gehen früheste Nachrichten über Drechsler und Holzhandwerker auf die Mitte des 17. Jh. zurück. Vermutet wird, daß durch Tauschhandel mit Berchtesgaden die Spielwarenherstellung aufgekommen ist. Unter den generationenlang unter ärmlichsten Bedingungen existierenden Herstellern wurden u.a. Spaltwarenarbeiter (Schaffel- und Schachtelmacher), Drechsler und Dreher sowie Spielwarenschnitzer unterschieden. 1882 waren von 755 Personen in der Holzwarenfertigung allein 446 mit dem Spielzeugmachen beschäftigt. Typische Erzeugnisse, den einfachen Berchtesgadener Dingen ähnlich, waren Ratschen, Schiebe- und Radeltruhen für Kinder, Pferde, Reiterlein Lämmer und Vögel, Docken und Figuren, Wiegen, Trompeten, Pfeifen usw. Nach dem Ersten Weltkrieg orientierte man sich zunehmend auf Souvenirtartikel - eine Qualitätsabfall beim sigenannten Edelweiß-Kitsch soll deutlich gewesen sein. Zwischen 1938 und 1960 bestand eine Genossenschaft in Gmunden, deren traditionelle Erzeugnisse besonders für Volkskunstinteressierte gedacht waren.

Gröden (Südtirol)
  

    Ausführliche Schildungen der Spielwarenfabrikation existieren kaum vor 1800. Ein Ausgangspunkt dürfte die im zirbenreichen Dolomitental gepflegte Bildschnitzerei gewesen sein. Ein  Anwachsen der Tierschnitzer und Spielwarenmacher war zwischen 1750 und 1780 von 50 auf 300 zu verzeichnen (oft noch Nebenberuf). Dekrete zum Schutz der Zierbelkiefer, dem Hauptschnitzmaterial, bedrängte die unkontrollierte Ausweitung des Gewerbes. Ein entwickeltes Hausiererwesen vollzog den Warentausch, Einflüsse von Berchtesgaden oder Nürnberg blieben wohl nicht aus (Mustertausch). Im 19. Jh. formierten sich viele Haupterwerbler, die in der Form der Hausindustrie und in gewisser Weise auf bestimmte Produkte spezialisiert, ein umfangreiches Sortiment füllten (ca. 500 Spielzeugmuster).  Zumeist waren es jedoch roh belassene Spielzeuge, sogenannte weiße Ware, die bis etwa 1820 mit der Kraxe nach Oberammergau zum Bemalen getragen wurden. Ein Hauptartikel wurden bewegliche Holzgelenkpüppchen - Dutch dolls - die durch Arbeitsteilung zur billigsten Massenware geriet.  Handelsgrößen je Bestellung in mitunter 1000 Gross (144.000 Stück) zeigen die gewaltigen Produktionsmengen. Ende des 19. Jh.sank das Interesse am einfachen Grödener Spielzeug. Es kam zur  Umstellung auf Andenkenware und religiöse Schnitzerein.  Das Ende einer speziellen Grödener Holzwarenfabrikation vollzog sich nach dem 1. Weltkrieg.

Berchtesgaden
  

    In Berchtesgaden, südlich Salzburgs gelegen, soll der Überlieferung nach schon 1130 das Schnitzen beheimatet gewesen sein, im 14. Jh. offensichtlich als zweiter Erwerbszweig neben dem Bergbau. Eine Handwerksordnung von 1535 belegt die Holzwarenfertigung. Der Hausierhandel übernahm (aufgrund der Abgelegenheit) die ersten umfangreichen Lieferungen, es folgte das Verlagswesen mit Niederlassungen in den großen europäischen Handelszentren, u.a. Wien oder Venedig. Ein Teil des Spielzeuges entstand als sogenannte Grobschnitzerei, Spezialitäten brachten zugleich Drechsler und Schachtelmacher hervor.  Im Jahr 1652 zählte die Fürstprobstei Berchtesgaden etwa 5000 Einwohner; als Meister waren u.a. 22 Böttcher, 18 Löffelmacher, 18 Schaffelmacher, 28 Pfeiffenmacher, 34 Spielzeugschnitzer, 111 Schachtelmacher und122 Drechsler eingetragen. Typisch seit dem 19. Jh. waren u.a. Bergparaden, Hühnerwagrl , Hoheitskutschen, das Pfeifenrößlein, bunt dekorierte Steckenpferde, Fatschenpuppen sowie Hampel- und Zappelmänner. Die Vertreibung Berchtesgadener Protestanten (1733) und neu entstandene Zollschranken erschwerten den Absatz, so daß Berchtesgaden gegenüber Thüringen und dem Erzgebirge an Bedeutung verlor. Bereits 1840 (1858) nahm eine Industrie- und Zeichenschule zum Zwecke der Förderung und Bildung ihren Betrieb auf. Unterricht im Zeichnen, Modellieren, Schnitzen und Drechseln sollte die Qualität der Waren erhöhen, neue Muster der Schule ergänzten die Traditionsprodukte. Ein genossenschaftlicher Zusammenschluß (seit 1945) betreute einzelne Hersteller und den Verkauf. Warenkataloge Ende der 1950er Jahre vermerken noch 43 Familien mit ca. 270 verschiedenen Artikeln (1981: 32 berufliche bzw. auch nebenberufliche Personen). Der Rückgang dieser Handwerksarbeiten vollzog sich leider bis heute, vieles versteht sich nur noch als Souvenirproduktion.

Oberammergau
  

    Zur Spielzeugherstellung kam es als Neben- und Nachfolge der religiösen Schnitzerei. Wurzeln mögen durchaus ins 16. Jh. zurückreichen.  Wirtschaftlich bedeutsam war die Spielware vom späten 18. Jh. bis um 1900. Bedeutsam war der Umstand, daß Oberammergau hervorragende Kenntnisse in der farblichen Fassung hölzerner Artikel besaß. Aus Gröden, aber auch von anderswo her, kamen noch bis weit ins 19. Jh. hinein ungefaßte Artikel zum Bemalen nach Oberammergau. Als repräsentativ für das Sortiment werden immer wieder geschnitzte figürliche Szenen, Hampelmänner, Fatschenpuppen mit beweglichen Armen oder andere bewegliche Spieldinge, wie Schaukeln, Karussels aufgezählt. Ein ausgedehntes Hausiererwesen hat mit der Kraxe den Vertrieb besorgt.

Thüringen / Sonneberg
  

    1200 Burg Sonneberg, 1349 Stadtrecht für Ort; 1572 kommt südöstliches Vorland vom Thüringer Wald zum Fürstentum Coburg, 1735 an die Herzöge von Sachsen-Meiningen --> daher Meininger Oberland; Sonneberger Welthandel begann im 18. Jahrhundert mit strategisch wichtigem Produkt: Feuerstein - für Steinschlossgewehre und Feuerzeuge, daneben Schieferver- und bearbeitung, Wetzsteinherstellung und Wetzsteinhandel
    AUSGANGSPUNKT

    Sonneberg war Knotenpunkt zweier Fernhandelsstraße: Nürnberg-Erfurt, Nürnberg-Leipzig, so dass seit dem 15. Jh. für das Sonneberger Gebiet der Fernhandel von Bedeutung war
    > Nürnberger Händler vertrieben Sonneberger Holzwaren mit, neben Haushaltsgegenstände auch Spielzeug - aber Sonneberger Händler sprangen auf den Nürnberger Zug auf , bereits 1780 waren in Sonneberger Händlerlisten die Produkte aller europäischen Spielwarengebiete vertreten; früheste Hinweise auf Sonneberger Spielzeugfertigung sind leider spärlich und ungenau

    Bedingungen für den Beginn:

    • für die Zeit um 1650 werden früheste Produkte angenommen
    • Holzreichtum, notwendiger bäuerlicher Nebenerwerb
    • Handel brachte Anregungen und Absatz (Händler brachten Muster mit, lieferten u.a. Salzburger Volksspielzeug Vorlagen)
    • nach dem 30jährigen Krieg nahmen Sonneberger Händler den Vertrieb selbst in die Hand (Hausiererwesen, später Verlagswesen)
    • Einsatz und Ausbau von Zusatz- und Ersatzmaterialen und Entwicklung eines eigenen Duktuses über das “Bossieren”, später Besonderheiten durch die Massedrückerei

    BELEGE
    in Beschreibung des Obergerichts Sonneberg 1735: es gäbe “Mahler” die den Händlern allerlei hölzerne Kinderwaren anstreichen würden...selbst z.T. handeln würden... Nähkästchen, Köfferchen, Degen, Pistolen, Pfeifen, Geigen, Kegelspiele, Nußbeißer, Klappern, Dockenpuppen, Kuckucke, Schnurren (Ratschen)... Transportlisten von Fuhrleuten für die Zeit um 1752-1787 verweisen auf  Vögel, Pferde auf  Brettern oder Rädern, Musikinstrumente, Tanzdocken, Windmühlen, Frachtwagen...  

    in Sonneberg war seit 1789 im Großen Handelsprivileg die Trennung zwischen Handel und Herstellung festgeschrieben (Privileg für etwa 30 namentlich genannte Sonneberger Händler auch ein Schutz gegenüber auswärtigen Händlern) - Ausbau des Verlagssystems mit hausindustrieller Struktur und Abhängigkeit  

    Bossieren und Puppenmachen

    • Ausgangsfrage: wie stelle ich mit einfachen Materialien detailreiche Spielzeuge (Figuren) her, Schnitzen= Detail herausarbeiten/ Bossieren=Detail aus Teig anarbeiten, d.h. an Holzkern wird Masseteil angeklebt - Masse=Schwarzmehl + Leim (Leim-Wasser-Brotteig) - der Nachteil: schnell verderblich, Wasser, Ungeziefer, Mikroben
    • Bossieren wurde seit dem 18. Jh.  eingesetzt, 1750 werden in Sonnberg bereits 9 Bossierer namentlich genannt, die Puppen und Figuren zum Aufstellen vollplastisch modellieren;  bald auch hilfsweise in Schieferformen vorgeformt und vorgedrückt; Bossierer haben sich 1781 durch eine Zunft geschützt - Konkurrenz von Jedermann sollte ausgeschalten werden (Bossieren war Kunst , Massedrücken nur Handwerk)
    • Motive: starre Figurinen, Spielpuppen, auch klingende, bewegliche, erzählende Motivgruppen
    • Teigdrückerei (Papiermaché-Varianten) • am 16. Juli 1805 erhielten die Herrn Johann Friedrich und Nicol Müller die landesherrliche Konzession für Papiermaché-Artikel
    • Rezept 1844: “...ungedrucktes Papierer wird gekocht, abgetropft und fein zerstoßen, zu 2 kg Papiermasse kommen 3 kg Kreide; beides mit Leimwasser verbunden (etwa ein halbes kg (Knochen)leim, dazu 250 g Stärkemehl, etwa 65 g Tobackbeize oder Knoblauch und Wermut...”
    • verschiedene Massen (ähnlich Papiermaché) wuren in vielen Gewerben Europas verwendet: Herstellung von Tellern, Vasen, Stuckteilen, Puppenwaren usw. -- siehe Pappenzeuch von Christoph Weigel
    • eine thüringer Spezialität: Kaolinsand (thüringer Porzellanerde) dazugemischt, gibt Festigkeit und ist Grundlage für Stabilität und Lackfarbenverwendung
    • Drücken in Formen brachte Vorteile - seriel Gleiches in großen Stückzahlen -- > war ein Weg zur Industrialisierung, zur Fabrik- und Heimarbeit - geringes Gewicht, kein Holz (steigende Holzpreise) - relativ unzerbrechlich und länger haltbar - Arbeitsteilung durch Spezialisten (Modellmacher, Formenmacher, Drücker, Abputzer, Maler, Verpacker)
    • Bossiererhandwerk rückläufig, geht nach 1860 in Massedrückerei auf
    • ab 1.1.1863 erfolgte im Herzogtum Sachsen-Meiningen die Einführung der Gewerbefreiheit (Zunftschranken waren jedoch längst durchbrochen) Was bedeutete das? Jeder konnte nun produzieren, auch die Händler; denen waren bisherige Einschränkungen eher zum Nachteil geworden
    • Holzprodukte waren im Sonneberger Raum im 19. Jh. vorerst noch bedeutsam, vor allem Kleinwaren, zweitwichtig die Kombination Holz-Masse, Unterhaltungswaren wie Nickfiguren, Schmuckartikel (Weihnachtswaren), Füllartikel, Scherzartikel, Masken usw. - den Umfang zeigt eine Spezialisierungliste nach Ernst Rausch (1901) - hier ein Ausschnitt !
    • Papierartikel hauptsächlich in den Städten Sonneberg, Neustadt und Schalkau und im Dorf Judenbach, die Papiermachédrücker wohnten im weiten Umfeld
    • Schnitzer und Drechsler finden sich zumeist im Südwestabhang, z.B. Forschengereuth, Mengersgereuth; man fertigt vor allem Puppengelenke, Ratschen, Schnarren,Ttrompeten, Pferde, Wagen, andere Holztiere; Eisfeld mit Fabriken für Holzpferde, anderswo (Hämmern) werden Holzschiffe gefertigt, in Schalkau und Ehners entstehen Holzgewehre
    • Holzkästchen-Herstellung in den weiter oben liegenden Dörfern (Spanschachtelmacherei zurückgegangen wegen Holzverteuerung, nun mehr die Kartonagenproduktion)
    • Puppenfabrikation (hauptsächlich städtische Arbeiterschaft) in Sonneberg und Neustadt, umliegend Roharbeiten (Balgmacher, Formenmacher usw.)
    • Maskenmacher in Jagdshof, Heinersdorf, Rothenkirchen (Bayern) und vor allem Schalkau
    • Pelztiere liefert Sonneberg, Judenbach oder Heinersdorf
    • Geflügel aus Schalkau, Sonneberg
    • Attrappen und Osterartikel zumeist aus Neustadt
    • Stimmenmacher für Tiere, Puppen wohnen in Forschengereuth, Mengersgereuth, Hämmern, Oberlind, auch in Sonneberg

    Exkurs: die thüringer Puppenproduktion
    > Holzdocke --> bossierte Docke --> Papiermachéteile (z.B. Kopf) - 1850 auch “Täuflinge” (Puppenbabys) - später wieder auch mehr “Staatsdamen” in Wachs (kaum Kinderspielzeug)  
    > bedeutsamer, früher Hersteller war Johann Friedrich Müller (1783-1855), 200 bis 300 Arbeiter in seiner Fabrik, jährlich soll um 1825 Müller allein etwa 200 Zentner Papiermachéwaren geliefert haben, darunter wohl auch Puppen?!
    > Konzession für Papiermaché erhielten u.A. Andreas Voit in Hildburghausen (1806), Johann Daniel Kestner jun. in Waltershausen (1822), das waren Ausgangspunkte für Puppenwaren-Traditionen  
    > Puppenvielfalt: hölzerne Glieder, gestopfte Körper, Lederbälge, Papiermachéköpfe, nach 1870 bewegliche Glieder, Holzgelenke, Porzellanköpfe und Teile
    > viele Fabrikgründungen und Patente nach 1850: Waltershäuser Kugelgelenkpuppe um 1880, Grammphonpuppe 1890, bewegliche Schwimmkinder oder 1906 eine Erfindung von Otto Gans: das Schelmenauge
    > Bedarf an Porzellanköpfen führte in der nähreren Umgebung von Sonneberg bis 1907 zu 6 Prozellanfabriken  
    > innovativ war der Papiermaché-Guß (1895) vom Neustadtädter Modelleur Heidler, ähnlich Porzellanguß, noch schneller, detaillierter als gedrückte Erzeugnisse ----> Zelluloid ab 1895 (bei Schildkröt-Puppen aus Mannheim-Neckarau) -- in der Folge entwickelte die Firma Bruno Schmidt in Waltershausen ab 1913 eine eigene Zelluloidfertigung, zugleich waren Billigpuppen auch aus angefeuchtet geprägter Pappe
    Sonneberg als geistiges Zentrum: Industrie-Schule (1883) + Deutsches Spielzeugmuseum Sonneberg (1901 als Industrie- und Gewerbemuseum gegr.) 1912 bereits mit über 3.000 Exponaten

     

Odenwald
  

    Typisch scheinen lediglich die z.B. in Niedernhausen, später auch im Gersprenztal und in den Dörfern um das Schloß Lichtenberg gefertigten Spielzeug-Pferde zu sein. Der Begriff Odenwälder Gailchen (Gäulchen) machte diese bestimmte Art der Pferdegestaltung bekannt, ganz gleich ob es ein Ziehpferd auf Rollen oder ein Schaukelpferd ist. Merkmale sind ein walzenförmiger, gedrechselter Körper, hineingesteckte, nicht mit Masse anmodellierte, brettchenartige Beine und eine dekorative Bemalung in der Musterung eines Apfelschimmels . Im 20. Jh. erfolgte diese Bemalung in der Art der Schablonenspritzerei. Eine technologische Besonderheit ist die Fertigung der Beinchen, die aus einem gedrechselten Rundholz gespalten werden. (siehe auch Beck, Rosemarie.: Conrad Sutter...Spielzeuggestalter... Odenwald)

Rhön
  

    Obwohl die Rhön seit dem 16. Jh. ein sehr dichtes Holz-Schnitzgebiet war - Hausgeräte, Holzmodel, Lebkuchenformen, Peifenköpfe, Figürliches - nahm die gewerbliche Spielwarenfertigung nur einen geringen Platz ein. Versuche gab es, so nach 1850 unter Anleitung der Schnitzschule Bischofsheim mit einfachen Spielzeugtieren. Um 1900 wurde auf Drängen und mit Unterstützung des Spielwarenverlegers Meinel aus Kissingen die Produktion von Spielzeugtieren aufgenommen - unter Meinels Verlagsarbeit besonders in der Ortschaft Sandberg bis 1912. Die Qualität war außerordentlich hoch, besonders bei den naturbelassenen Pferdegespannen (mit Korbarbeiten/ mit Rohrarbeiten verbunden) und den exotischen Tiersortimenten. 1920 versuchte Schnitzmeister Gustav Möller fahrbare Spielzeugtiere abzusetzen. Unter dem Einfluß Tiroler Schnitzereien soll es im Gebiet von Empfertshausen Versuche gegeben haben, mit dem Schnitzeisen gestochene Spielzeugtiere anzufertigen. Zu den älteren Rhöner Schnitzereien zählen auch Wackelfigürchen, bei denen der Kopf und oft der Unterkiefer beweglich ausgeführt waren. Der Spielwert (für Kinder) darf allerdings bezweifelt werden.

    › Friedrich Meinel und die weißen Pferde von Sandberg. Rhöner Spielzeugherstellung 1877-1911 von Hilla Schütze

Schweiz
  

    Vor dem Ersten Weltkrieg 1914-1918 wurde fabrik- oder manufakturmässig hergestelltes Spielzeug fast nur importiert, vor allem aus Deutschland und dem damals österreichischen Südtirol. In der Schweiz selbst wurden Spielsachen von talentierten Eltern, auf Bestellung vom lokalen Schreiner oder von der Störschneiderin aus Stoffresten von Mutters Sonntagskleid einzeln hergestellt. Ausnahmen waren lediglich die in Aarau im 19. Jahrhundert blühende Fabrikation von Zinnfiguren oder allfällige Nebenprodukte: Kinderbücher und Spiele bei Verlegern und in Druckanstalten; Puppenwagen in Kinderwagenfabriken; Spieltiere und Puppengeschirr in Keramik- und Porzellanwerkstätten. Eine eigene Schweizer Ausprägung entwickelte sich aber noch nicht: Die Spielsachen sind oftmals kaum von ausländischen Vorbildern zu unterscheiden.
    Das Aufkommen einer serienmässigen Schweizer Spielzeugfabrikation fällt in die Zeit des Ersten Weltkrieges. Erst als aus Kriegsgründen die Importe und Exporte erschwert waren, entstand eine breitere einheimische Spielwarenindustrie: Man hoffte, damit Arbeitsplätze zu schaffen, die andernorts - etwa im Tourismus der Berggebiete - verloren gingen. Diese Entwicklung wurde tatkräftig unterstützt vom Schweizer Werkbund und vom Spielwarendetailhandel.
    Der 1913 gegründete Schweizersche Werkbund (SWB) strebte - in Anlehnung an ähnliche Reformbewegungen in anderen Ländern - die «Veredelung der gewerblichen und industriellen Arbeit» durch das Zusammenwirken von Künstlern, Handwerkern und Industriellen an, unter anderem durch die Veranstaltung von Wettbewerben und Aus­stellungen zur Förderung guter, materialgerechter und regional hergestellter Produkte.
    Einer der ersten Wettbewerbe wurde 1915 «zur Erlangung moderner schweizerischer Spielwaren» ausgeschrieben. Als grosser Erfolg konnte verbucht werden, dass eine beachtliche Zahl der Entwürfe in der Folge auch produziert wurde. Die 1916 in sieben Städten veranstaltete Wanderausstellung der Wettbewerbsarbeiten und weiterer Spielwaren stiess auch beim Publikum auf grosses Interesse (90'000 Besucher). Der Werkbund hat damit wesentlich dazu beigetragen, dass die schweizerische Spielwarenfabrikation von Anfang an auf die einzigen für einen dauerhaften Erfolg notwendigen Faktoren, nämlich gute Qualität und gute Form, setzte. Von vielen Wettbewerbseingaben, die Preise oder Anerkennungsdiplome erhielten, ist leider nicht bekannt, ob sie Produktionsreife erlangten; mangels Abbildungen oder Markierungen lassen sich diese Spielzeuge kaum identifizieren.
    Der Spielwarenhandel hatte grosses Interesse, die ausbleibenden Importe durch einheimische Ware zu ersetzen. Ein herausragendes Beispiel ist die unter dem Wahlspruch «Gut und schön» von der Firma Franz Carl Weber (FCW) lancierte Aktion für Schweizer Spielzeug. Dieses wurde ab 1915 erstmals zusammengefasst und in seiner Eigenart vorgestellt. 1916 wurden ein spezieller Katalogteil «Schweizerische Erzeugnisse» geschaffen und eine entsprechende Ausstellung im Geschäft an der Zürcher Bahnhofstrasse eingerichtet. Als Folge dieser Initiativen fanden sich zum ersten Mal die Angehörigen der Schweizer Spielwarenbranche zusammen. So entstand der VSSF, Verband schweizerischer Spielwarenfabrikanten. 1916 kam es ausserdem in Zürich zur Durchführung einer ge­meinsamen Exportkampagne mit Broschüre und Exportausstellung des «Schweizerischen Nachweisbüros für Bezug und Absatz von Waren», eines Vorläufers der noch bestehenden Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung (OSEC).
    Die im Ersten Weltkrieg und kurz danach entstandenen Spielzeugfirmen fanden ab 1920 ein wiederum schwierigeres Umfeld vor: Die preisgünstig produzierenden Konkurrenten aus Deutschland und nunmehr auch aus Frankreich und Grossbritannien drängten in die kriegsschädenfreie Schweiz. Nur einheimische Hersteller, die gute Holzspielwaren, Bücher und Spiele oder originelle Erfindungen (SABA-Figuren von August Bucherer) anbieten konnten, hatten eine Überlebenschance. Die Kundschaft war jedenfalls nun für gute einheimische Produkte sensibilisiert. Dies wurde nach 1930 durch Verwendung des auch in der Spielwarenindustrie beliebten Armbrustzeichens für Schweizerware unterstützt. Die Schweizer Herkunft war zum Qualitätszeichen und Verkaufsargument geworden.
    Das Versiegen der Importe brachte der Schweizer Spielzeugindustrie im Zweiten Weltkrieg 1939-1945 und in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen neuen Aufschwung: Deren Produkte blieben konkurrenzlos, und die Herstellung wurde vom Detailhandel wieder stark gefördert. So beschäftigte die grösste Schweizer Spielzeugfabrik August Bucherer & Co. AG in Diepoldsau/SG während des Krieges über 100, 1947 sogar etwa 210 Mitarbeitende. 1950 setzten wiederum die Einfuhren aus dem günstiger produzierenden Ausland ein. Heute erfordert die Herstellung billiger Spielsachen grosse Serien, für die der Schweizer Absatzmarkt zu klein ist; die teure Vermarktung und Weiterentwicklung erfolgt nun zumeist durch finanzkräftige, international tätige Grossfirmen im Ausland.
    Aufgrund des sinkenden Spielalters spielen Kinder heutzutage mit dem in der Schweizer Produktion dominierenden Holzspielzeug immer weniger lang. Trotz dem starken Rückgang von Produktion und Produzentenzahl existiert aber in der Schweiz auch heutzutage eine erfolgreiche Spielzeugfabrikation: Qualitativ gute, innovative und präzis hergestellte Spielwaren, für die angemessene Preise im In- und Ausland erzielt werden können, behaupten sich. Für einfachere Spielzeuge oder Spielzeugteile hat die Herstellung in geschützten Werkstätten eine grössere Bedeutung gewonnen. Dagegen ist die früher weit verbreitete Heimarbeit der Frauen (Nähen von Puppenkleidern oder Malarbeiten) zurückgegangen.

    (Zitiert nach der QUELLE: Katalog „Spielsachen aus dem Berner Oberland 1900 bis heute“, Autoren Laura und Hans-Heinrich Knüsli,  Schloss Hünegg Hilterfingen 2006, Seite 3-4)

Literatur und Quellen zu dieser Übersicht
  

    > Bachmann, M. und K. E. Fritzsch: Deutsches Spielzeug. Leipzig 1965
    > Thüringen. Spielzeug aus Sonneberg. Ausstellungskatalog des Altonaer Museums in Hamburg. Hamburg 1997
    > Rausch, Ernst: Die Sonneberger Spielwarenindustrie und die verwandten Industrien der Griffel- und
    Glasfabrikation unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in der Hausindustrie. Sonneberg 1901
    > Wenzel, G.: Die Geschichte der Nürnberger Spielzeugindustrie. Inaugural-Dissertation. Erlangen-Nürnberg 1967
    > Latus, U.: Kunststücke. Holzspielzeugdesign vor 1914. Nürnberg 1998
    > Spielzeug, Spiel und Spielereien. Ausstellungskatalog (Schallaburg). Herausgegeben vom Niederösterreichischen Landesmuseum. Wien 1987
    > Geschnitzt - gedrechselt - gedrückt. Spielzeug und Handwerkskunst aus Thüringen und dem Erzgebirge.
    Ausstellungskatalog (Schloß Bruchsal). Herausgegeben vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Bruchsal 1991
    > Stäblein, R.: Altes Holzspielzeug aus Gröden. Bozen 1980
    > Zull, Gertraud: Ein Museum entsteht. Das Verleger Lang´sche kunst- und kulturgeschichtliche Oberammergauer Museum und die Entdeckung der Volkskunst um 1900. München 1998
    > „Spielsachen aus dem Berner Oberland 1900 bis heute“, Schloss Hünegg Hilterfingen 2006 (Texte von Laura und Hans-Heinrich Knüsli)



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