ZUM SPIELZEUGMUSEUMJahressonderausstellung

26. April 2008 - 01. November 2008
Zu Lande, zu Wasser und in der Luft.
Erzgebirgische Spielmobile und Fahrzeuge aus Holz 

Die Wende zum 20. Jahrhundert veränderte viel im Holzspielzeug. Die Wirklichkeit war nicht mehr ein mit Tieren gefüllter Paradiesgarten, ein Wald gespanter Bäume oder eine altmodische Dampfeisenbahn. Das Kind sah die ersten Automobile auf den Straßen, moderne Züge auf den Gleisen, die Mobilität der Menschen auf den Bahnhöfen. Bilder in Zeitschriften berichteten von fernen und nahen Errungenschaften des technischen Fortschritts. Luftschiffe und Doppeldecker wurden zum Sinnbild für eine neue Ära. Die Epoche biedermeierlicher Beschaulichkeit idealisierender Ziehspielzeuge war vorüber.

Die Entstehung und Entfaltung des Seiffener Miniaturspielzeuges war speziell damit verbunden, sich dieser rasant verändernden Welt anzunehmen. Schnell galt es, das Neueste der Gesellschaft in die Form des traditionellen, durch ökonomische Zwänge allerdings kleinformatigen Holzspielzeuges zu bringen. Jahrzehntelang sind Miniaturen dem aktuellsten Trend der Fahrzeugtechnik und den kulturellen Veränderungen gefolgt. Die ersten Dampfspritzen, schnittige Rennautos, der Schienenzeppelin, utopisch anmutende Züge, Tankstellen, Verkehrstürme, Ozeandampfer, Kontinente verbindende Flugzeuge – all das waren Motive des Zeitgeist-Spielzeugs, das dem Kind die wirklichkeitssbezogene Möglichkeit gab, die umgebene Erwachsenenwelt spielerisch "begreifen" und gestalten zu können. 

Bis heute dürfen wir Miniaturspielwaren -  auch die kaum überblickbare Vielgestaltigkeit der 1950er und 1960er Jahre -  als eine spielzeughafte "Chronik" der technisch-gesellschaftlichen Veränderungen verstehen. Auch in der Ausbildung der Spielwarenmacher haben seit den 1930er Jahren Züge und Großfahrzeuge eine Rolle in der kleinseriellen, handwerksbetonten Lehrproduktion gespielt.

Dem Spielbedürfnis des Kindes kam es entgegen, dass selbst kleine Fahrzeuge erzgebirgischer Fertigung bewegliche Teile enthielten. Der beabsichtigte Realismus äußerte sich in winzigen drehbaren Kurbeln, in kippbaren Ladeflächen, in zu öffnenden Türen. Der Modellcharakter vieler Miniaturspielzeuge begeisterte Kinder  - und Erwachsenen ebenso. Weniger das statische Aufstellen oder abstrakte Bewegen der einzelnen Formen, als vielmehr das anschauliche "echte" Agieren und Manipulieren mit den Figuren, Fahrzeugen und Gebäuden machte den Reiz aus - bis hin zu den großformatigen Sandspiel-Fahrzeugen der 1950er. Hölzerne Automobile erzgebirgischer Fertigung begleiteten übrigens noch lange die Modellbahnfreunde von HO und TT.

Das historische Trommelverfahren, das Prinzip des ergänzungsfähigen "Baukastens", wurde ab den 1930er Jahren für Fahrzeug-Bausysteme genutzt. Blumenau mit seinen Baukastenfabriken blieb bis weit in die 1960er Jahre ein Zentrum der Fahrzeug- und Modellspielzeuge. Die Neuerung in der Art der Formteilherstellung veränderte ab 1961 Form und Technologie des Großspielzeugs. 

Später bot VERO CONSTRUC unter Einbeziehung von Kunststoffen ein gestuftes, aufeinander aufbauendes Spiel- und Fahrzeugsystem, dass ein Kind über viele Jahre kreativ begleiten konnte. Schließlich hat 1985 das kleinteilige Spielsystem "1+1" neben der künstlerisch-pädagogischen Zielstellung auch auf knappe Holzressourcen und das Prinzip Sparsamkeit reagiert. Miniaturfahrzeuge gelten übrigens heute zwar als Sammlerstücke – gleichwohl sind sie Spiegelbild der Technik und der menschlichen Mobilität geblieben.
 



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