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Die
Wende zum 20. Jahrhundert veränderte viel im Holzspielzeug. Die Wirklichkeit
war nicht mehr ein mit Tieren gefüllter Paradiesgarten, ein Wald gespanter
Bäume oder eine altmodische Dampfeisenbahn. Das Kind sah die ersten
Automobile auf den Straßen, moderne Züge auf den Gleisen, die
Mobilität der Menschen auf den Bahnhöfen. Bilder in Zeitschriften
berichteten von fernen und nahen Errungenschaften des technischen Fortschritts.
Luftschiffe und Doppeldecker wurden zum Sinnbild für eine neue Ära.
Die Epoche biedermeierlicher Beschaulichkeit idealisierender Ziehspielzeuge
war vorüber.
Die
Entstehung und Entfaltung des Seiffener Miniaturspielzeuges war speziell
damit verbunden, sich dieser rasant verändernden Welt anzunehmen.
Schnell galt es, das Neueste der Gesellschaft in die Form des traditionellen,
durch ökonomische Zwänge allerdings kleinformatigen Holzspielzeuges
zu bringen. Jahrzehntelang sind Miniaturen dem aktuellsten Trend der Fahrzeugtechnik
und den kulturellen Veränderungen gefolgt. Die ersten Dampfspritzen,
schnittige Rennautos, der Schienenzeppelin, utopisch anmutende Züge,
Tankstellen, Verkehrstürme, Ozeandampfer, Kontinente verbindende Flugzeuge
– all das waren Motive des Zeitgeist-Spielzeugs, das dem Kind die wirklichkeitssbezogene
Möglichkeit gab, die umgebene Erwachsenenwelt spielerisch "begreifen"
und gestalten zu können.
Bis
heute dürfen wir Miniaturspielwaren - auch die kaum überblickbare
Vielgestaltigkeit der 1950er und 1960er Jahre - als eine spielzeughafte
"Chronik" der technisch-gesellschaftlichen Veränderungen verstehen.
Auch in der Ausbildung der Spielwarenmacher haben seit den 1930er Jahren
Züge und Großfahrzeuge eine Rolle in der kleinseriellen, handwerksbetonten
Lehrproduktion gespielt.
Dem
Spielbedürfnis des Kindes kam es entgegen, dass selbst kleine Fahrzeuge
erzgebirgischer Fertigung bewegliche Teile enthielten. Der beabsichtigte
Realismus äußerte sich in winzigen drehbaren Kurbeln, in kippbaren
Ladeflächen, in zu öffnenden Türen. Der Modellcharakter
vieler Miniaturspielzeuge begeisterte Kinder - und Erwachsenen ebenso.
Weniger das statische Aufstellen oder abstrakte Bewegen der einzelnen Formen,
als vielmehr das anschauliche "echte" Agieren und Manipulieren mit den
Figuren, Fahrzeugen und Gebäuden machte den Reiz aus - bis hin zu
den großformatigen Sandspiel-Fahrzeugen der 1950er. Hölzerne
Automobile erzgebirgischer Fertigung begleiteten übrigens noch lange
die Modellbahnfreunde von HO und TT.
Das
historische Trommelverfahren, das Prinzip des ergänzungsfähigen
"Baukastens", wurde ab den 1930er Jahren für Fahrzeug-Bausysteme genutzt.
Blumenau mit seinen Baukastenfabriken blieb bis weit in die 1960er Jahre
ein Zentrum der Fahrzeug- und Modellspielzeuge. Die Neuerung in der Art
der Formteilherstellung veränderte ab 1961 Form und Technologie des
Großspielzeugs.
Später
bot VERO CONSTRUC unter Einbeziehung von Kunststoffen ein gestuftes, aufeinander
aufbauendes Spiel- und Fahrzeugsystem, dass ein Kind über viele Jahre
kreativ begleiten konnte. Schließlich hat 1985 das kleinteilige Spielsystem
"1+1" neben der künstlerisch-pädagogischen Zielstellung auch
auf knappe Holzressourcen und das Prinzip Sparsamkeit reagiert. Miniaturfahrzeuge
gelten übrigens heute zwar als Sammlerstücke – gleichwohl sind
sie Spiegelbild der Technik und der menschlichen Mobilität geblieben.
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