ZUM SPIELZEUGMUSEUMJAHRES-SONDERAUSSTELLUNG

April bis Oktober 2005
DIE 1960ER
Spielwarenherstellung und Kunsthandwerk im Wandel
 
In den 1960er Jahren waren viele neuartige, moderne, zeittypische Produkte entworfen worden oder hatten bestehende verdrängt. Etliche jener damals neu gestalteten Erzeugnisse sind späterhin noch Jahrzehnte lang, wenn auch mitunter abgewandelt, in der seriellen Herstellung gewesen, manche sind “Klassiker” geworden. Die Ausstellung bestätigt die These, dass sich in den 1960er Jahren bei etlichen Herstellern ein Wechsel im Sortiment vom eigentlichen Spielzeug hin zum Gebrauchsschmuck, hin zu weihnachtlichen oder österlichen Dingen vollzogen hat. Hilfreich gestaltete sich die Durchsicht der im Museumsfundus befindlichen Warenkataloge und Dokumente in der Bibliothek. Prinzipiell ist die Ausstellung in zwei Bereiche unterschieden: Auf der einen Seite sind mit “kunsthandwerklichen” Belegstücken - dankenswerter Weise auch mit über 80 wertvollen Leihgaben an Mustern, Zeichnungen oder Briefen - einzelne Meisterbetriebe vorgestellt, auf der anderen werden Neuentwicklung und Standards der kleinindustriellen Spielzeugfertigung gezeigt, von den Baukastenproduzenten in Blumenau und den Puppenmöbelproduzenten in Seiffen bis hin zu der sich 1966 neu formierten VERO. 

Die frühen 1960er Jahre prägten mit der Preisgestaltung, der Materialbeschaffung, mit dem Absatz, mit veränderten Kosten, administrativen Forderungen und komplizierten Genehmigungs- und Kalkulationsverfahren den Handwerkeralltag. Werner Gläßer erinnert sich: “Bereits 1932 begann in der Werkstatt von P. Arthur Gläßer die Fertigung von Kleinpyramiden. Außerordentlich erfolgreich und in großen Stückzahlen. Diese Pyramidenserie musste 1966 aufgegeben werden, da der Preis zu niedrig für die gestiegenen Kosten wurde (Preisstopverordnung) und viele Zulieferteile (Scheiben, Reifentiere) nicht mehr beschaffbar waren.... Da es bei Strafe verboten war, die Herstellerpreise für laufende Artikel zu erhöhen, mussten diese wenigstens geringfügig verändert werden... Nicht in jedem Fall war das eine optische Verbesserung, aber es war die einzige Möglichkeit.” Zugleich vollzog sich dabei in vielen Handwerksbetrieben der Prozess des Suchens nach neuen Produkten und auch danach, wie man der  “neuen Zeit” mit “modernen” Motiven, etwa in Form des “Sandmännchens” usw. begegnen könnte. Viele junge Handwerksmeister hatten zwischen 1950 und 1960 ihren Meisterbrief abgelegt, das eigene Gewerbe eröffnet. Zum Teil waren sie die letzten Absolventen der “Staatlichen Spielwarenschule” in Seiffen. In den Objekten der Ausstellung kommen diese handwerklichen Voraussetzungen und gestalterischen Forderungen zum Ausdruck und es werden mitunter der “Fachschul-Duktus” und die Ornamentsprache der dortigen Ausbildung weiterhin genutzt.
Neu entwickelte, geschnittene, flächige Pyramidenfiguren, etwa von Heinz Lorenz, Olbernhau-Hirschberg (1965) oder von  Gunter Müller, Seiffen (um 1960) waren tatsächlich ein ungewohnter Ansatz. Gunter Müller verweist darauf, dass bei notwendiger Umstellung auf neue Produkte in seinem elterlichen Puppenmöbelbetrieb (Edmund Müller) z.B. hauseigene Erfahrungen in der Handbemalung oder im drechslerischen Bereich gering waren, und daher “Geschnittenes” technologisch bevorzugt wurde. Diese Tendenz korrespondiert mit den geschnittenen Räuchermanntypen, für VERO von Hans Reichelt um 1967 entworfen, bei denen der Einsatz von kantigen, durch die Holzmaserung strukturierten Flächen bis heute beeindruckende, modern erscheinende ästhetische Qualitäten hat. Das Nachdenken über neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten bestimmte für mehrer Handwerksmeister das 60er Jahrzehnt. Einfluss darauf hatten auch Formgestalter wie Hans Brockhage, Helmut Flade oder Manfred Preißler, die mit ungewohnten Sichtweisen konfrontierten. Auch Unterweisungen und Übungen durch Hans Reichelt haben in der Handwerkerschaft Raum für das Experiment und die Gestaltungs-Studie geschaffen. Heinz Auerbachs Suche nach Neuem und “Schönem” wird in der Ausstellung mit mehreren Stücken belegt.  Um 1964 herum entstehen schließlich erste Formen eines neuen Baukasten- und Konstruktionssystems. Als “Bau-Mit” tragen frühe Schachteln bereits das neue Logo “Spielzeugschiffchen mit Wortmarke VERO”. Kreativ werden nicht nur in Seiffen, sondern auch in der Baukastenfabrik Reuter, Blumenau, interessante Neuschöpfungen in die Herstellung genommen. Dazu gehört der Hubschrauber “Mücke” (E. Reuter KG, ab 1961), die Reihe der Berbis-Kästen, oder die Fahr- und Steckspiele “Combi Max” und “Bastel-Fritz”. Für heute mit beeindruckenden Spielmöglichkeiten ausgestattet zeigen sich auch Bau- und Spielsortimente der Baukastenfabrik Louis Engel, Blumenau.
 


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