 AUSSTELLUNGEN
ARCHIVIERT
Ausstellungsdokumentation
Erzgebirgisches
Spielzeugmuseum Seiffen - Dezember 2000 bis Oktober 2001
STEINE
AUS HOLZ
Die
Sonderausstellung im Dachgeschoss des Seiffener Spielzeugmuseums zeigte
über 150 Baukästen, Konstruktionssysteme und Legespiele aus Holz.
Im Mittelpunkt stand die Fabrikationsgeschichte der Oberseiffenbacher Produktionsstätte
"S.F.Fischer", die 1850 mit der Herstellung von Holzbaukästen begann
und an deren Standort bis 1990 produziert wurde. Unter den besonderen Exponaten
waren u.a. wertvolle Originalzeichnungen, Prägestempel und Archivalien
aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu sehen. Gezeigt wurden
auch Nachbildungen, die die einstigen Entwürfe und Skizzen in die
Welt des hölzernen Würfels übersetzen. Daneben wurden Baukästen
aus dem gesamten erzgebirgischen Spielwarengebiet und Belege der gesamtdeutschen
Baukastengeschichte vorgestellt.
ERZGEBIRGISCHE
HOLZBAUKÄSTEN
Die
Baukastenproduktion im Erzgebirge setzte noch vor 1850 ein. Über die
Anfänge ist wenig bekannt, das Waldkirchner Musterbuch zeigt bereits
verschiedene Formen. Neben Grünhainichen war es nach 1860 vor allem
der Ort Blumenau bei Olbernhau, der die Entwicklung bestimmte. Hier entstanden
innerhalb weniger Jahrzehnte mehr als 5 bedeutende Fabriken. Zu einem Merkmal
der Blumenauer Herstellung wurden farbig geprägte bzw. durch Rollendruck
gefertigte Fassaden-Baukästen. Darin fanden sich oft Fenster, ursprünglich
aufwendig bemaltes Glas, später in Pappprägung gehaltene Kunststoff-Folien.
Die Fabrik S.F.Fischer in Oberseiffenbach hat einen anderen Ausdruck hervorgebracht
und ihre spezielle Richtung durch Fröbel´sche Anregungen und
dessen Spielgaben entwickelt. Nach 1910 ergänzten kleinteilige Themenbaukästen,
später Beschäftigungsmaterialien das Sortiment. Als Exot gilt
die Firma Frosch, die um 1900 in Heidelberg bei Seiffen gewirkt hat.
FABRIKGESCHICHTE
Nach
einem Produktionsbeginn im Jahre 1850 mit Holzglasschränkchen
aus Ulmenholz gingen alsbald einfachste Baukästen in Herstellung.
In zunehmender Stückzahl und Vielfalt wurden verschiedenste Themenbaukästen
hergestellt, die auf wachsendes Interesse und zunehmenden Absatz stießen
und einen wohl für damals beeindruckenden Geschäftsaufschwung
beförderten. Ein weiteres Grundstück wurde gekauft, am Wildbach
ein Drehwerk und 1861 ein Wohnhaus errichtet. Damit war wohl die erste
spielwarenproduzierende Fabrik Deutschlands gegründet. In nahezu industrieller
Art und Weise wurde das Sortiment erweitert und ein hoher technischer sowie
technologischer Standart in der Holzverarbeitung erreicht.
1879
erfolgte die Geschäftsübergabe an den Sohn Friedrich Fürchtegott
Fischer. Die industrielle Fertigung von Fröbel-Spielzeugen und Fröbel-Beschäftigungsgaben
beginnt. Fischer erbaut ein Auszüglergebäude und richtet hier
ein zweites Drehwerk ein. Der Aufschwung drängte in Richtung maschineller
Fertigung der Baukästen - 1882 wird die erste Dampfmaschine von 10
PS beschafft. Im Jahre 1886 erfolgte der erste Anbau eines Fabrikflügels.
Es folgt eine Zeit schneller Umbauten und technischer Erweiterungen.
1887
wird eine zweite, größere Dampfmaschine eingebaut, es entstehen
1890 ein Pack- und Lagerhaus, 1894-95 ein großer Holzschuppen sowie
1897 das Darrhaus. Im selben Jahr wurde die Fabrikanlage mit elektrischem
Licht und einem Wassersystem versehen. 1898 errichtete man ein größeres
Kesselhaus mit einem zweiten Kessel. Zugleich wurden das Trockenhaus erweitert
und eine Schmiederei und eine Holzfärberei eingerichtet. Damit war
um 1900 ein Beschäftigungsstand von etwa 70 Personen erreicht. 1909
wird an die Stelle der älteren Dampfmaschine eine neue, 83 PS starke
liegende Einzylinder-Gegendruckmaschine gesetzt. Sie stammt aus der Maschinenfabrik
H. Ulbricht, Chemnitz. Zum Betreiben wurde 1909 von der Firma C. Sulzberger,
Flöha-Chemnitz, ein 5 m langer Rauchrohrkessel mit zweimal 40 Rauchrohren
und 120 m2 Heizfläche errichtet. Die Dampfmaschine trieb noch bis
1965 über Transmission an: 1 Kreissäge mit 1,15-Meter-Blatt,
4 sonstige Kreissägen, 1 Schiebetischsäge, 1 Fuchsschwanzsäge,
1 Siemensgenerator. Später wurde ausschließlich ein 152-kW-Generator
zur Energieerzeugung in Bewegung gesetzt. Die Anlage wurde 1986 in die
Kreisdenkmalliste aufgenommen.
Das
wohl von Fürchtegott Fischer geschaffene Firmensignet wurde 1897 beim
Kaiserlichen Patentamt unter der Nummer 24190 eingetragen. Patentamtlich
geschützt wurde 1908 auch "Der kleine Schwede", ein Miniaturbaukasten
in der Zündholzschachtel. Großvolumige Schleif- und Poliertrommeln
und eine heute die Fachwelt noch immer beeindruckende Oberflächenveredlung
der Holzteile künden von einer Zeit bahnbrechender technologischer
Entwicklungen.
S.F.Fischer
wird 1956 zur KG. Vieles aus den alten Sortimenten wird weiterproduziert.
Themenbaukästen, Mosaiklegespiele und Fröbel-Spielzeuge stehen
im Mittelpunkt. 1972 erfolgt die Umwandlung zum bezirksgeleiteten VEB Kinderland
Seiffen. 1976 gliedert man die Fabrik als Produktionsbereich 2 dem VEB
VERO Olbernhau an. Neben der traditionellen Holzspielzeugproduktion und
dem Einsatz von Kunststoff-Teilen wird die PUR-Verschäumung zur Herstellung
von Behältnissen aufgebaut. Die Produktion wird 1990 eingestellt.
BAUKÄSTEN
VON S.F.FISCHER
Die
ersten Baukästen sind, wie es in der Festschrift von 1900 heißt,
wohl mit der Hand gefertigt gewesen und waren einfachster Ausführung.
Namentlich sind der "Triumphbogen" und weitere Fassadenbaukästen erwähnt,
wie
-
Komposition
vom Bauen
-
deutsche,
italienische, schweizer, griechische, toskanische oder chinesische Baukästen
-
Baukasten
Häuser zum Bauen
-
Baukasten
Kirchen zum Bauen
-
Baukasten
Renaissance
Später
folgen Kästen und Spiele u.a. als Der kleine amerikanische Baumeister,
Buchstabenmagazin, Kubische Unterhaltungen, Fröbel-Kästen und
zahlreich Lege- und Tangramspiele. Seit etwa 1910 wurden thematische Baukästen
entwickelt, so neben einem Burgenbaukasten, einem Schwarzwaldbaukasten
auch dieser Fachwerk-Kasten. Für das Orient-Baukästchen sind
Originalentwürfe, Skizzen und Prägestempel erhalten.

1908
wurde der erste Baukasten in der Zündholzschachtel in die Produktion
genommen. Als "Kleiner Schwede" hat er alle Krisenzeiten überdauert
und kann noch heute als Souvenir erworben werden.
DIPLOME
UND AUSZEICHNUNGEN
Ab
1873 bereits wurden für die Fischerschen Bau- und Legespiele internationale
Diplome und auf Weltausstellungen Medaillen verliehen. Zur Weltausstellung
in Wien 1873 ist unter der Firmenbezeichnung S.F.Fischer angemerkt: "Spez.
Baukästen und Lehrmittel. Absatz zur Hälfte in Deutschland. 25
Arb. in und 12 außerhalb der Fabrik (die Hälfte weiblich). Zwei
Wasserräder zu vier Pf. Stärk." Damit wird ein in sich abgeschlossener
technologischer Herstellungs- und Vertriebsprozeß angedeutet, der
seinesgleichen in der damaligen Zeit suchte. Vom Aufbereiten des Stammholzes,
über die vorbereitende Holzbearbeitung bis hin zum Veredeln und Direktversand
war alles an einem Ort vereint. Was da durch Sägen, Fräsen, Drechseln,
Trommeln, Polieren oder Prägen entstand, bestimmte den Maßstab
in der Spielzeugindustrie. Vor allem die regional typische Drechselei von
Teilen der Bau- und Legespiele prägte eine gewisse Eigenart der Fischerschen
Produktion.
Weitere
Diplome erhielt man:
-
1895
Gewerbeausstellung in Dresden
-
1891 Ausstellung
in London ~>
-
1895
Sächsisches Handwerk in Dresden
-
1896
Ausstellung Erziehung in Dresden
-
1897
Industrieausstellung Leipzig
-
1903
Kinderwelt St. Petersburg
-
1904
Weltausstellung St. Louis USA
-
1905
Weltausstellung Lüttich
FRÖBELGABEN
UND LEGESPIELE
"Der
Geist bedarf des Stoffes, um sich durch Darstellung an und durch denselben,
durch Bearbeitung desselben zu entwickeln. Der Erziehung Erstens muß
darum sein, dem Menschen als Kind angemessenen Stoff zur Gestaltung zu
geben." (Fröbel)
Die
Baukastenfabrik in Oberseiffenbach ist wohl die erste Fabrik im deutschen
Sprachraum gewesen, die die Fröbelschen Spielgaben und darüber
hinaus weitere Fröbelsche Gedankenansätze zum Spielzeug in die
Serienproduktion gebracht hat.
In
der Festschrift 1900 wird darauf verwiesen, daß schon vermutlich
um 1870 durch einen Geschäftspartner, Hugo Bretsch aus Berlin, die
Anregung zur Herstellung von Fröbelschen Kindergartenmaterialien erfolgte.
1873 werden der Fischer-Fabrik die Anerkennungs-Diplome auf der Wiener
Weltausstellung für die "Beschäftigungsmittel für Fröbel-Kindergärten"
verliehen.
Friedrich
Wilhelm August Fröbel (1782-1852) gilt als der Vater des Kindergartengedankens.
Eine seiner wesentlichen Einsichten war die Idee der allseitigen Bildung
und Erziehung des Kindes, bei der Denken und Tun, Erkennen und Handeln,
Wissen und Können zutiefst zusammenwirken sollen. Selbständigkeit
und Anleitung sollten sich durchdringen. Die von ihm gestalteten Spielgaben
wurden in einem von ihm in Bad Blankenburg gegründeten Unternehmern
erstmals angefertigt. Die serielle, in riesigen Stückzahlen ablaufende
Fabrikation von S.F.Fischer hat wesentlich zur Verbreitung der Spielgaben
und Legematerialen beigetragen.
Seit
etwa 1900 stellte S.F.Fischer einen Mosaikbaukasten her, anfänglich
noch mit der Hand bemalt, später mit der Spritzpistole schabloniert.
HOLZBAUKASTEN
- ERZGEBIRGE - GEGENWART
Im
Erzgebirge haben sich u.a. zwei wesentliche Standorte der Baukastenfertigung
bis heute erhalten können. Zum einen der Ort Blumenau, heute zu Olbernhau
gehörend, wo die Ebert Holzwaren GmbH an die traditionelle Formensprache
Blumenaus anknüpft. Mit der SINA Spielzeug GmbH in Neuhausen sind
Elemente der einst in Oberseiffenbach ansässigen Fischer-Fabrikation
bewahrt und durch neue, zum Teil Deuschlandweit prämierte, zukunftsweisende
Designschöpfungen ergänzt worden. Besonders die Spiel- und Baukastenwelt
von Friedrich Fröbel hat hier, bei SINA, eine stabile, kompetente
Heimat erhalten, indem in hoher handwerklicher Qualität Fröbelsches
Ideengut in die zeitgemäße Spielserie umgesetzt wird.
 ERZGEBIRGISCHES
SPIELZEUGMUSEUM SEIFFEN |