ZUM SPIELZEUGMUSEUMDIE BESONDERE AUSSTELLUNG

Objekt und Vorführung im Seiffener Spielzeugmuseum
DIE LEBENDE STADT
von Johannes Jurich in über 35 Jahren erbaut und in den 1930-60er Jahren öffentlich gezeigt

Der 1911 in Oelsnitz/ Erzgebirge geborene Bergarbeitersohn Johannes Jurich hat in über 35 Jahren diese „Lebende Stadt“ gebaut. Bereits mit 15 begann er intensiv zu schnitzen, 1928 fertigte er die ersten Häuser und beweglichen Teile. Von seinem Umfeld geprägt, hat er von klein auf sich mit dem Schnitzen und Basteln beschäftigt. Angeregt vom Vater, der nach Feierabend bewegliche Riesenräder bastelte, verlegte er sich auch aufs Holzgestalten. Fertigkeiten dazu soll er sich auch während seiner Tätigkeit als Saison-Maler, als Weber und Sticker von Blumen auf amerikanischen Seidenstrümpfen erworben haben. Nach dem Umzug in den 1930er Jahren nach Zschornewitz (Raum Gräfenhainichen/ Bitterfeld) wurde die Anlage immer mehr erweitert und im Sinne eines beweglichen „erzgebirgischen Berges“ intensiv mechanisiert sowie mit Modellbahnelementen ergänzt. In den 1950er und 1960er Jahren führte Johannes Jurich diese mobile Anlage öffentlich vor. Ein Schmalfilm aus dem Jahr 1961 berichtet vom Transport und vom Aufbau der Stadtanlage im „Gasthof Meyer“ in Möhlau. Die schwarz-weißen Bildchen hier sind Filmausschnitte und zeigen nicht nur Johannes Jurich bei dieser Unternehmung, sondern lassen uns recht anschaulich die Konstruktion und Wirkung der Anlage verstehen. Besonders die über 40 kleinen beweglichen Szenen haben Aufsehen und Begeisterung bei Jung und Alt erregt. 

Eine originelle Beschreibung des Dargestellten und der Atmosphäre gab der Journalist Wolfgang Grunert 1964 in der Zeitschrift „Freiheit“: „Neben dem Rathaus noch ein Bauernhof mit Vergangenheit, heute Brigadesitz der Nachbar-LPG. Auf dem Hof bemüht sich ein Traktorist, sein Fahrzeug anzuwerfen. Wie oft mag er schon die Kurbel gedreht haben? Die Kühe wollen ungeduldig mit dem Kopf schütteln, belassen es schließlich beim monotonen Wackeln mit dem Schwanz, während zwei Ziegenböcke zum ungezählten Male ausprobieren, wer nun den dickeren Schädel hat. Was kümmert es im Nachbarhof die Frau, die unermüdlich die Wringmaschine in Schwung setzt, was die Nachbarin, die eilend versucht, die Reizwäsche zur Trockenschau auf die Leine zu hängen... Nicht zur Ruhe kommt das Karussell, und nach dem Dreivierteltakt eines Klavierspielers versuchen sich die Größeren im einstigen „Reigen“ ihrer Großeltern. Im Kulturhaus verschnaufen wir erst ein wenig. Ungestört von den 42 nimmermüden Tänzern und nichtstörend für die Dauerskater am Stammtisch, denen die Kraft nicht aus den Händen zu weichen scheint, so klopfen sie das Blatt auf die Platte... Johannes Jurich wurde sein eigener Städteplaner, Architekt und Bauherr – für die Stadt, die heute über 80 Häuser im Grundbuch zu stehen hat.

Der „Elektriker“ Jurich hat im Stadtgebiet 250 Glühbirnen zu pflegen. Die meisten Häuser dieser Spielzeugstadt haben echte Vorbilder: den Fachwerkgasthof vom Marktplatz in Wettin an der Saale, den Neubaublock für Bergarbeiter in der Siedlung Zschornewitz, die Gaststätte „Wartburg“ an der Straße nach Oelsnitz im Erzgebirge, das Haus seiner Nachbarn... Fundamente und Wände sind aus Holz geschnitzt, einst aus kubanischen und anderen Zigarrenschachteln, heute aus heimischem Sperrholz. Die Dachziegel sind mühsam aus Karton geschnitten, mit viel Geduld und wenig Kleister übereinander geklebt. Die Außenwände sind mit einer hauchdünnen Schicht echten Putzes verkleidet...“

Mit dem Tod des Erbauers im Jahr 1966 war die Anlage, verpackt in Kisten, wohl mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Nach dem Wiederauffinden und Bewahren durch Albrecht Krenkel (Burgstädt) wurde das Objekt von Kathrin und Christoph Grauwiller (Liestal/Schweiz) für die Sammlung „Zum Bunten S“ erworben. Hier fand die Anlage öffentliche Aufmerksamkeit, zumal viele der einst beweglich gehaltenen Szenen funktionsfähig gemacht wurden und durch behutsame Restaurierung und elektrische Erneuerung ein faszinierender Gesamteindruck erhalten bzw. wiederhergestellt wurde. Schließlich ging 2007 die komplette Anlage als großzügige Schenkung nach Seiffen. Der Abbau wurde dokumentiert, und es waren vergleichbare Arbeitsschritte wie vor Jahrzehnten zu absolvieren. Mit Anerkennung wurde die einstige geniale „Modulbauweise“ des Johannes Jurich bestaunt, die nun wieder einmal dienlich war, die einzelnen Plattenteile und ihre mechanische Unterwelt auf Reise zu schicken. Beim wieder Zusammensetzen in Seiffen haben sich Skizzen, Fotos, aber auch Jurich´s Nummern- und Ständersystem bewährt. Die „Kleine lebende Stadt“ reflektiert in vielen detailliert ausgestatteten Bildern vielfach „Alltags-Geschichten“ der 1960er Jahre in der DDR, wie LPG, Hochzeit, Idylle im Garten, Freizeitvergnügen. Das verwendete Material, wie Fahrzeuge und Figuren, stammten aus der Seiffener Handwerkskunst der 1930er bis 1960er, bzw. auch aus dem damaligen Modellbahnzubehör. All das macht den musealen sowie historischen Reiz und Wert aus – und es verpflichtet zum Erhalt und zur Vermittlung an die Museumsgäste. Für ein Gesamterlebnis der Stadtanlage werden dazu im Spielzeugmuseum auch Ausschnitte jener erhaltenen historischen Stummfilme gezeigt, die in originalen Bildern von Johannes Jurich und seiner damaligen Arbeit berichten. Filme, Bilder und Zeitungsdokumente helfen, dass noch heute neben einem freudigen Schmunzeln auch eine Hochachtung vor dieser kreativen Leistung beim Zuschauer entsteht. 

Derzeit werden schrittweise die alten mechanischen Bereiche restauriert und fehlende Teile bzw. die Eisenbahn-HO-Technik instand gesetzt. Geduld und Einfühlungsvermögen sind notwendig, um die Improvisationen und „Erfindungen“ des Erbauers Johannes Jurich zu verstehen und ihre originale Funktionsweise wieder herzustellen – wie das z.B. die Szene der Skatspieler belegt.



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